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Ngz-Sportler Des Monats August
Gefühltes Gold - Lohn einer stressigen Saison

Neuss. Im Pas de Deux planen die Voltigierer Janika Derks und Johannes Kay nach WM-Silber in Le Mans jetzt den Angriff auf die Weltspitze. Von Daniel Kaiser

Neuss Die Voltigier-Stars Janika Derks (26) und Johannes Kay (21) haben eine bewegende Saison hinter sich: Spontan für das Doppelvoltigieren entschieden. Haarscharf die Qualifikation für die WM in Le Mans geschafft. Rückschlag dann vor Ort, als Spitzenpferd Auxerre ausfiel. Auf dem Ingelsberger Pferd Holt's Romeo mit akuter Fersenprellung sensationell zu Silber voltigiert. Diesen turbulenten Jahresverlauf der Schützlinge vom RSV Grimlinghausen krönten die Leser der NGZ nun mit der Wahl zu den Sportlern des Monats August.

Die Spitzenathleten aus dem Rheinland finden in ihrem Saison-Resümee sehr klare Worte. "Ich nenne es beim Namen: Es war scheiß anstrengend. Physisch wie psychisch. Aber am Ende stehen wir hier mit einer wunderschönen silbernen Medaille, die sich für mich persönlich wie eine goldene anfühlt. Das war eine verrückte Saison. So ein Chaos habe ich noch nie erlebt", fasst Johannes Kay die vergangenen Monate zusammen.

Der 21 Jahre alte Flensburger lebt und trainiert seit November 2013 in Neuss und befindet sich aktuell mitten im Staatsexamen und somit in den letzten Zügen seiner Ausbildung zum Physiotherapeuten. In Kürze wird der Mannschafts-Weltmeister in einer Praxis in Grefrath in das Arbeitsleben einsteigen. Seine Pas-de-Deux-Partnerin Derks ist schon seit Jahren im gleichen Berufsfeld in Dormagen tätig. Doch nicht nur im Job bewegen sich die Pferdeakrobaten auf einer Wellenlänge.

Gemeinsam mit dem legendären Neusser Team gewannen sie Gold bei der WM 2014 in Caen und der EM 2015 in Aachen. Das Doppelvoltigieren war für die Spitzenathleten eine enorme Herausforderung - doch das Fieber hat sie gepackt. Die konkreten Pläne und die leistungssportliche Positionierung des RSV für das Jahr 2017 werden aktuell vereinsintern besprochen. Eines steht bereits fest: Die Kombination Derks/Kay wird weitermachen. "Wir haben gemerkt, dass uns das liegt. Darauf bauen wir auf und werden noch konsequenter arbeiten und versuchen, den Anschluss zu finden", sagt Kay.

Anschluss finden bedeutet: Angriff auf die Spitze, die seit nunmehr fünf Jahren fest in Tiroler Hand liegt. Jasmin Lindner und Lukas Wacha bilden eine Art Zwei-Personen-FC-Bayern-München der Voltigierszene. Weltmeister 2012, 2014, 2016, Europameister 2013 und 2015, Weltcupgesamtsieger 2014. An diese rot-weiß-rote Phalanx kam in Le Mans kein Doppel heran. Mit 9,0 Punkten stand die Österreich-Formation am Ende standesgemäß auf dem obersten Sieger-Treppchen. Doch auch wenn Derks und Kay anno 2016 noch 0,6 Zähler hinter dem dominierenden Duo rangierten, ist ihnen ein Aufstieg in die Punktbereiche der Österreicher aus athletischer Sicht derzeit am ehesten zuzutrauen.

Mit nur drei internationalen Starts haben es die Neusser auf Rang zwei der Weltrangliste geschafft, die der Weltverband FEI in der vergangenen Woche aktualisierte. Damit haben sie zugleich ganz locker die Qualifikation für den Winter-Weltcup geschafft, der ab November über die Messehallen in Madrid, Paris, Salzburg, Mechelen (Belgien) und Leipzig zum Finale in die Westfalenhallen nach Dortmund führt. Ob die Neusser mitmischen werden, entscheidet sich demnächst. "Man kann sich im Weltcup vor tollem Publikum hervorragend präsentieren. Das macht Spaß und ist reizvoll und ich bin eigentlich ein absoluter Showmensch", sagt Kay. Allerdings fordert die Winter-Serie einen enormen Aufwand. "Dabei geht Zeit verloren, die wir für die Saisonvorbereitung brauchen könnten." Denn die Kombination aus Leistungssport und Vollzeit-Beruf funktioniert in erster Linie nur mit hervorragendem Zeitmanagement.

Ideen für die 2017er-Choreografie gibt es (beziehungsweise verraten die Neusser) noch nicht: "Wir haben mit der kreativen Phase gerade erst begonnen, stehen noch ganz am Anfang eines langes Prozesses." An der Ausgestaltung der Elemente, des Themas, der Musik und des Designs ist neben Derks und Kay vor allem Longenführerin Jessica Lichtenberg beteiligt. Der Kreativkopf des RSV stand in dieser Saison im Übrigen nur einmal selbst an der Longe - beim CHIO in Aachen. Bei der Weltmeisterschaft sprang bekanntlich Ingelsbergs Cheftrainer Alexander Hartl mit seinem Pferd Holt's Romeo ein. Damit waren die größten nationalen Konkurrenten der vergangenen Jahre auf dem Championat als Team vereint. "Das ist das Großartige am Championat", erklärt Kay. "Wenn man einmal für die WM gesetzt ist, dann ist man eine Mannschaft und hilft sich in Ausnahmesituationen gegenseitig, wo es nur geht, egal aus welchem Landesverband oder Verein man kommt." Ein Umstand, der für ihn immer wieder den besonderen und einzigartigen Charakter seiner Disziplin ausmacht.

Stichwort Ausnahmesituation: Die hatte Kay bereits im ersten Umlauf in Le Mans durchzustehen. Bei der ersten Hebeübung, bei der Kay seine Partnerin seitlich stehend über sich hebt, kamen die Turner plötzlich stark in Außenlage. Doch Kay rettete die Situation meisterhaft. "Für mich war das die extremste Rettung der Voltigiergeschichte. Das hätte niemand anderes hinbekommen", lobte Co-Bundestrainer Kai Vorberg.

Für das kommende Jahr wollen die Neusser nun auf so vielen Pferden wie möglich trainieren. Neben Auxerre, Swarovski und Bella Bientje soll auch das in diesem Jahr lange verletzte Spitzenpferd Delia FRH wieder zum Einsatz kommen. Kay: "Es war ein extrem unvorhersehbares Jahr mit vielen Überraschungen und wir haben gelernt, flexibel zu sein und auch auf schwierige Situationen zu reagieren." Für Derks und Kay bleibt die Erkenntnis: "Wir müssen uns auf alles vorbereiten." Auch auf das Worst-Case-Szenario. Denn sogar daraus kann bekanntlich am Ende eine Championatsmedaille hervorgehen.

Quelle: NGZ
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