| 00.00 Uhr

Sportgeschichten (98)
Goodbye Deutschland: Neusser findet in Mexiko das Glück

Neuss. Ehemaliger Kanute und Kicker der Holzheimer SG erfand sich 1996 mit fast 50 noch mal komplett neu und wanderte nach Mittelamerika aus. Von Dirk Sitterle

Neuss Da gab es doch mal diese Sparkassen-Werbung im TV: "Mein Haus! Mein Auto! Mein Boot!" Oskar Schubert könnte da locker mithalten: Eigene Firma mit 50 Mitarbeitern! Residenz im von Vulkanen und Bergen der Sierra Nevada umgebenen zentralmexikanischen Puebla, dessen Altstadt bei der UNESCO seit 1987 als Weltkulturerbe geführt wird! Ferienhaus im Urlaubsparadies Acapulco! Drei Porsche, darunter ein 911 Targa, Baujahr 1982! Oskar Schubert ist einer, der es geschafft hat - und liebt es trotzdem bescheiden: "Mehr als ein Schnitzel und ein Bier brauchst du nicht", sagt er.

So hat es der mittlerweile 70-Jährige immer gehalten - dabei könnte er ruhig ein wenig angeben: Als Kanute der Holzheimer SG war er in den 1960er- und 1970er-Jahren quasi Stammgast auf dem Siegertreppchen, nahm an der WM teil (Platz 9) und feierte 1975 im Zweier an der Seite von Walter Leichtle den DM-Titel über 500 Meter. Dazu war er ein mehr als passabler Kicker, spielte im Trikot der HSG von der Kreisliga A bis zur Landesliga. Damals gab es für ihn im Grunde genommen nur zwei Jahreszeiten: "Im Sommer Kanu, im Winter Fußball." Vor mehr als vier Jahrzehnten galt der Fußball "Marke Holzheim" als Qualitätsprodukt. Spieler wie Franz-Jakob "Pattex" Slowak, Norbert Weindling, Hans Schrills, Franz Schönen, Günther Mielke oder Günther Görres wussten mit dem runden Leder viel Gutes anzufangen. Im Team von Trainer Willi Traut gab Schubert den eisenharten Verteidiger - Typ Berti Vogts.

Ein Konflikt mit dem legendären Vorsitzenden Johann Dahmen () trieb ihn allerdings weg aus Holzheim, seine Trainerkarriere führte ihn zum VfR Neuss, wo er Assistent von Peter Lenzen in der Verbandsliga war, zum SV Rosellen und zum VfR Neuss II. "Ich bin einer, der immer seine Meinung sagt." Ein Gräuel war ihm stets die mangelhafte Einstellung vieler Kicker: "Die wollen alle nix tun. Aber ohne zu laufen, kannst du kein Spiel gewinnen. Bei mir stand Kondition immer an erster Stelle."

Das unzähmbare Verlangen, sich neuen Herausforderungen zu stellen, machte ihn im August 1996 schließlich zum Auswanderer. Bis dahin hatte er gemeinsam mit Jürgen Pesch in den Hallen der Neusser Blumenversteigerung (NBV) einen selbst mit größtem Eifer ans Laufen gebrachten Blumengroßhandel betrieben. "Das war eine schöne Zeit, aber ich wollte noch mal was Neues machen, einfach mal gucken, was ich wert bin." Knall auf Fall verließ er "Haus und Hof, Frau, Neuss, einfach alles", um im mexikanischen Puebla, wo sich bereits sein Bruder Heinz Schubert eine Existenz aufgebaut hatte, von vorne anzufangen. Der Weg zu eigenen Firma war indes lang und steinig. "Ich habe zeitweise 24 Stunden, rund um die Uhr, gearbeitet, hatte zwischenzeitlich gut 100.000 Dollar Schulden."

Aber er hielt durch, profitierte mit seinem für die Automobilbranche tätigen Betrieb zur Farbvorbereitung von Lackierungen auch davon, dass Mexiko als Standort für deutsche Zulieferer immer wichtiger wird. Über den Job lernte der Chef von 50 Mitarbeitern vor 18 Jahren auch seine Frau Flor, mit der er seit zwölf Jahren ausgesprochen glücklich verheiratet ist, kennen. Die ehemalige Balletttänzerin, deren Töchter Carla und Lisa die Firma schon sehr bald selbstständig leiten werden, hatte sich auf eine Annonce des auf die Dienste einer Dolmetscherin angewiesenen Gringos aus Alemania beworben.

Damit war sein zweites Glück perfekt. "Außer Schnee haben wir hier alles", sagt er lachend. Deutschland sieht er deshalb nur noch selten. Anfang Mai kehrte er noch mal in den Kreis seiner ehemaligen Teamkollegen von der Holzheimer SG zurück.

Während der von Norbert Weindling organisierten Wiedersehensfeier im Gasthaus Jägerhof Lenzen an der Hauptstraße in Holzheim diente ihm der Verein die Ehrenmitgliedschaft an. Und Oskar Schubert versprach, den Kontakt nicht mehr abreißen zu lassen. "Wir bleiben über WhatsApp in Verbindung", kündigte er beim Abschied an - auf den Lippen schon den Geschmack einer eiskalten Margarita ...

Quelle: NGZ
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Sportgeschichten (98): Goodbye Deutschland: Neusser findet in Mexiko das Glück


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.