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Analyse
Handball ist auch eine Kampfsportart

Analyse: Handball ist auch eine Kampfsportart
Jens Reinarz auf dem Weg zum Tor, die Dormagener (Alexander Kübler, Eloy Morante Maldonado, Tim Wieling, v.l.) in der Rolle des Zuschauers - ein Bild, das am Freitagabend nach der Pause keineswegs Seltenheitswert besaß. FOTO: D. Janssen
Krefeld. Seine erste Saisonniederlage, das 26:27 bei der HSG Krefeld, hatte sich der TSV Bayer Dormagen selbst zuzuschreiben. Ändert die junge Garde nicht schnell ihr Verhalten auf dem Spielfeld, dürfte es schwer werden mit dem Aufstieg aus der 3. Handball-Liga West. Von Volker Koch

So paradox kann Handball sein: Die erste Saisonniederlage des TSV Bayer Dormagen, das 26:27 (Halbzeit 15:11) bei der HSG Krefeld war ebenso unnötig wie verdient. Unnötig, weil die Gäste ihre spielerische Überlegenheit und den daraus resultierenden Vorsprung (15:10, 28.) niemals aus der Hand hätten geben dürfen/müssen. Verdient, weil sie der Krefelder Kampfkraft im zweiten Durchgang nichts Adäquates entgegen zu setzen hatten.

Zieht die junge Bayer-Garde daraus die richtigen Schlüsse, kann sich die Pleite noch segensreich, nämlich als Schuss vor den Bug zum richtigen Zeitpunkt, erweisen. Tut sie es nicht, könnte sich das Thema Aufstieg recht bald erledigt haben. Vielleicht schon am 15. Oktober, wenn sich der weiterhin souverän auftretende Zweitliga-Absteiger TuS Ferndorf im Bayer-Sportcenter vorstellt. So wie sie am Freitagabend vor der Rekordkulisse von 1409 Zuschauern in der Glockenspitzhalle auftraten, dürften die Dormagener dann chancenlos sein. Die Gründe: Naivität Es war ja nichts Überraschendes, womit die Krefelder die Partie nach der Pause schier unaufhaltsam - 18:18 40. Minute, 20:19 43. Minute - drehten. Dass Jens Reinarz, wenn es eng wird, seine Linksaußenposition verlässt und als vierter Rückraumspieler den Weg zum Tor sucht, war schon zuletzt in Hagen so. Dass Simon Ciupinski sich wie ein Basketballer in die Deckung dribbelt und dann mit seinen Aufsetzern aus der Nahdistanz die Torhüter auf dem falschen Fuß erwischt, das hat er schon zu seinen Korschenbroicher Zeiten so gemacht. Dass Marcel Görden nicht zu halten ist, sondern die Abwehr versuchen muss, die Anspiele auf den besten Kreisläufer der Liga zu unterbinden, weiß eigentlich jeder, der sich mit Drittliga-Handball im Westen beschäftigt. Nur die Dormagener nicht. Stress Oder sie vergessen solche Dinge, wenn mit schmelzendem Vorsprung der Stress steigt - schließlich hatten sie vor der Pause Görden durchaus im Griff, schließlich agierte die Defensive so gut, dass selbst der verletzte, zum Kameramann umfunktionierte Krefelder Rechtsaußen Hannes Hombrink anerkannte: "Eure Deckung ist echt stark." Davon konnte nach dem Seitenwechsel keine Rede mehr sein. Ähnlich war es im Auftaktspiel, als die Gäste aus Leichlingen dank des siebten Feldspielers einen Sieben-Tore-Rückstand fast noch egalisierten. Unter Druck gerät die Abwehr ins Schwimmen, unter Druck passieren im Angriff Fehler (Pässe zum Gegner, Kreisberührung bei Gegenstößen, elf von 35 Siebenmetern in den ersten fünf Saisonspielen nicht verwandelt), die einem Spitzenteam nicht unterlaufen dürfen.

Doch woher soll die junge Garde auch Stress kennen? In der A-Jugend ist sie kaum gefordert worden, von 44 Spielen (ohne DM-Endrunde) in den vergangenen zwei Jahren haben die Dormagener gerade mal vier verloren, dafür aber 26 mit acht Toren Differenz und mehr gewonnen. Der Fehler liegt nicht bei den Spielern, sondern im System: Die A-Jugend-Bundesliga ist viel zu breit aufgestellt, als dass sich dort echte Lernprozesse ergeben könnten (ihre aus der A-Jugend stammenden Korschenbroicher Kollegen machten tags darauf unter Druck übrigens die gleichen haarsträubenden Fehler). Kampf und Emotionen Auch, dass Handball ein Kampfsport ist, lässt sich in der A-Jugend-Bundesliga nur bedingt lernen. Die guten Teams - und zu denen zähl(t)en die Dormagener - lösen dort die meisten Aufgaben übers Spielerische. Und genau das versuchen die Bayer-Jungs jetzt auch in der Dritten Liga. Was unweigerlich schief gehen muss, wenn man auf Kampfmaschinen wie Reinarz, Görden und Co. trifft. "Einige meiner Spieler konnten am Ende kaum noch geradeaus laufen, so fertig waren sie", gab HSG-Trainer Olaf Mast zu. Den meisten Dormagenern war nicht mal die wohlgeordnete Frisur durcheinander geraten. Ans Limit (oder darüber hinaus) ging keiner am Freitagabend.

"Die Einstellung, das Spiel zu gewinnen, war in der Kabine deutlich zu spüren", verteidigte Trainer Ulli Kriebel seine Schützlinge gegen Vorwürfe, die niemand erhoben hatte. Einstellung ist die eine Sache, ihre Umsetzung auf dem Parkett eine andere. Da geht es nicht allein ums Spielerische, da gehören auch Kratzen und Beißen zum Handball dazu. Und Gefühle. Die Bayer-Jungs spielen einen eher kopfbetonten, man könnte auch sagen unterkühlten Handball. Man muss ja nicht gleich jedes Tor, jede geglückte Abwehraktion wie den Deutschen Meistertitel feiern. Doch ein bisschen mehr Emotionen dürften es schon sein - vielleicht werden sie ja durch diese Analyse geweckt.

Quelle: NGZ
 
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