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Analyse
Handballer kämpfen ums Überleben in der Liga

Analyse: Handballer kämpfen ums Überleben in der Liga
Für die HG Saarlouis und den TSV Bayer Dormagen (hier Alexander Kübler, Mitte) geht es auch in dieser Saison nur ums sportliche Überleben. FOTO: Michael Jäger
Dormagen. Mit der Partie TSV Bayer Dormagen gegen TuS Ferndorf startet die Zweite Handball-Bundesliga morgen Abend in eine Mammutsaison, die den 21 Vereinen alles abverlangt: Bis zum 4. Juni stehen 40 Meisterschaftsspiele auf dem Spielplan - und die Liga scheint ausgeglichener denn je. Von Volker Koch

Fragt man Jörg Bohrmann nach seiner Einschätzung der Zweiten Handball-Bundesliga, fällt immer wieder ein Wort: "Unglaublich." Die Liga sei "unglaublich stark", die Absteiger aus der Ersten Liga hätten "unglaublich starke Kader", die Aufsteiger hätten sich "unglaublich verstärkt" und die Saison werde "unglaublich strapaziös."

Nun ist der Trainer des TSV Bayer Dormagen, der selbst als Rechtsaußen 154 Spiele in der Ersten Liga bestritt, gewiss keiner, der zu Übertreibungen neigt. Also muss etwas dran sein an dem Respekt, mit dem der 46-Jährige seiner zweiten Spielzeit im Bundesliga-Unterhaus entgegenblickt und die morgen mit der Partie seiner Schützlinge gegen Aufsteiger TuS Ferndorf (19 Uhr, Bayer-Sportcenter) beginnt. Ein Blick hinter die Zweitliga-Kulissen. Der Spielplan Die Zweitligisten müssen in dieser Saison auslöffeln, was ihnen vor Jahresfrist die nachträgliche Lizenzerteilung für den HSV Hamburg und die anschließenden Verfügungen des Landgerichts Dortmund zugunsten von HBW Balingen-Weilstetten und HG Saarlouis eingebrockt haben: Sie treffen auf 20 Konkurrenten, was ihnen 40 Meisterschaftsspiele zwischen 21. August 2015 und 4. Juni 2016 beschert. Abzüglich sechswöchiger WM-Pause von Ende Dezember bis Anfang Februar bedeutet das 40 Partien in acht Monaten. Macht fünf pro Monat, mehr, als Wochenenden zur Verfügung stehen. Deshalb hat sich Spielleiter Andreas Wäschenbach sechs "Doppelspieltage" ausgedacht, an denen mitunter zwei Spiele innerhalb weniger als 48 Stunden ausgetragen werden müssen, je nach Konstellation mit Hunderten Kilometern Busfahrt dazwischen. Ein Beispiel: Bayer gastiert Freitag (25. 9., 19.30 Uhr) in Saarlouis und empfängt am Sonntag (27. 9., 17 Uhr) HF Springe. Die gleiche Konstellation war einen Monat später ebenfalls vorgesehen: Freitags in Rostock, Sonntags gegen Henstedt-Ulzburg, macht 1400 Autobahnkilometer und zwei mal sechzig Handballminuten in 45 Stunden. Deshalb hat der TSV diese und weitere Auswärtspartien auf Mittwoch vorgezogen. "Extrem schwierig, da fast alle unsere Spieler einer Ausbildung oder einem Beruf nachgehen", sagt Handball-Geschäftsführer Björn Barthel. "Viel zu viele Spiele", sagt Jörg Bohrmann, "es gibt doch gar keine Erholung mehr." Er fürchtet, dass die Spieler im Dezember schon ausgebrannt sind - bei 21 Spielen in 18 Wochen durchaus nachvollziehbar. Die Absteiger Aufgrund des HSV-bedingten "Überhangmandats" stiegen vier Erstligisten ab. Zwei davon, GWD Minden und der HC Erlangen, wollen direkt wieder hoch - und gehen mit entsprechenden Etats von drei Millionen Euro und mehr sowie erstliga-tauglich bestückten Kadern in die Saison. Erlangen, wo der einstmals als Spieler in Dormagen aktive Robert Andersson auf der Bank sitzt, kaufte in Pavel Horak (Füchse Berlin), Mario Huhnstock (Bergischer HC) und Denni Djozic (Balingen) gleich drei Erstliga-Spieler dazu, Minden, wo Frank Carstens das Sagen hat, leistete sich unter anderem Torhüter Kim Sonne (THW Kiel für den nach Hamburg wechselnden Ex-Dormagener Jens Vortmann) und Joakim Larsson (VfL Gummersbach). "Zumindest die beiden sind stärker als die Klubs, die in der vergangenen Saison aufgestiegen sind", sagt Bohrmann. Bietigheim und vor allem Friesenheim, das einen wahren Aderlass verkraften musste (unter anderem Trainer Thomas Koenig nach Bittenfeld) scheinen da schwächer, müssen sich möglicherweise hinter dem enorm verstärkten HSC Coburg (warf Kai Wandschneiders HSG Wetzlar aus dem DHB-Pokal), der HSG Nordhorn-Lingen (Pokalsieg über HSV Hamburg) und dem gleichfalls aufgerüsteten ASV Hamm einsortieren. Die Aufsteiger "Gekommen, um zu bleiben" ist das Motto, das die beiden direkt (TuS Ferndorf, Wilhelmshavener HV) oder über die Relegation aufgestiegenen Klubs (Eintracht Hagen, HF Springe) gesetzt haben. Vor allem Hagen langte mächtig zu, kaufte mit Pavel Prokopec, Fannar Fridgeirsson und Milan Weißbach gleich drei routinierte Akteure aus der Konkursmasse des TV Großwallstadt und in Dragan Tubic (Balingen) und Jürgen Müller (Bittenfeld) weitere Spieler mit Erst- oder Zweitliga-Erfahrung. Dormagens Auftaktgegner Ferndorf nahm einen Komplettaustausch vor (acht Zu-, sechs Abgänge. Springe, das den Ex-Dormagener Oliver Tesch aus Friesenheim verpflichtete, und Wilhelmshaven (holte in Moritz Barkow und Janik Köhler zwei Ex-Dormagener) agierten da mit deutlich mehr Augenmaß. Der Abstiegskampf Trotzdem zählen die Neulinge naturgemäß zu jenen Klubs, für die es in erster Linie ums sportliche Überleben geht. Chancenlos wie im Vorjahr Baunatal scheint diesmal keiner, was den Kampf um den fünftletzten Tabellenplatz um so härter macht. Nur der garantiert in dieser Saison einen weiteren Verbleib in der Liga, denn im Gegensatz zur vergangenen Spielzeit werden Lizenzentzüge nicht auf die Zahl der sportlichen Absteiger angerechnet. Die HG Saarlouis, zwei Mal in Folge durch außersportliche Entscheidungen gerettet, will unter der Regie des ehemaligen Frauen-Bundestrainers Heine Jensen (für Goran Suton/TuS N-Lübbecke) es diesmal auf sportlichem Wege schaffen. Doch die Saarländer zählen ebenso wie der TSV Bayer Dormagen zu den am meisten gefährdeten Teams. Gesellschaft könnte dieses Sextett durch die von Finanzengpässen geplagten HC Empor Rostock (nur ein Zugang), SV Henstedt-Ulzburg (zwei Zu-, fünf Abgänge), TV Neuhausen und TuSEM Essen (mit Neu-Trainer Stefan Krebietke anstelle von Mark Dragunski) bekommen. Doch wie sagt Jörg Bohrmann: "Zu diesem Saisonzeitpunkt kann man eigentlich noch gar nichts vorhersagen." Auch da dürfte der Dormagener Trainer "unglaublich" richtig liegen.

Quelle: NGZ
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