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Harte Arbeit fürs Vergnügen anderer

Analyse: Harte Arbeit fürs Vergnügen anderer
Sie verkörpern die neue Generation der deutschen Radsportler: Nikias Arndt, der bei der Tour de France nur knapp einen Etappensieg verpasste, und Nils Politt (l.). Der Kölner belegte vor vier Jahren Platz zwei im U19-Jugendrennen in Neuss und beendete am Sonntag seine erste Tour de France auf Rang 95. FOTO: A.woitschützke
Neuss. Nicht nur der Grand Départ der Tour de France in Düsseldorf hat den Radsport in Deutschland wieder zu einem Thema gemacht, es wächst auch eine neue Generation von Sympathieträgern heran. Von Volker Koch

Nikias Arndt wäre gerne noch ein bisschen geblieben bei der After-Race-Party des Neusser Radfahrervereins im "Drusus1". Doch es war noch keine 23 Uhr, als sich der 25-Jährige aufmachte ins heimische Köln. "Der Trainer hat für morgen früh um zehn Uhr Konditionstraining angesetzt", erklärte der Profi des Team Sunweb, der nach zwei zweiten Plätzen bei der Tour de Neuss am Mittwoch als Sechster die Ziellinie überquerte.

Wohlgemerkt: Bis Sonntag hatte Arndt erstmals in seiner Karriere 3540 Kilometer der Tour de France unter den Reifen, die er nach knapp verpasstem Etappensieg am drittletzten Tag in Salon de Provence auf Rang 84 als viertbester Deutscher im Gesamtklassement beendete. Am Mittwochabend standen die 80 Kilometer der Tour de Neuss auf seinem Plan, heute fährt er in Krefeld (20 Uhr, 60 Kilometer), am Sonntag dann die London&Surrey Classics, das bedeutendste Eintagesrennen in Großbritannien, das über 200 Kilometer führt.

Und dazwischen wird Kondition gebolzt. So ist sie, die "neue Generation" der jungen deutschen Radprofis, zu denen neben Arndt auch die in Neuss gestarteten Rick Zabel, Nils Politt (beide 23) und Rüdiger Selig (28) oder der als 15. bei der Tour de France bestplatzierte Deutsche Emanuel Buchmann (24) gehören, der im Vorjahr in Neuss Vierter wurde. Sie sind zielstrebig, aber nicht verbissen, sie kommen locker daher wie der nette junge Mann von nebenan, nur dass sie ihr Geld nicht im Büro, sondern mit harter Arbeit auf dem Rad verdienen.

Ihre Lockerheit wirkt ansteckend. Einen André Greipel, mit seinen 35 Jahren inzwischen so etwas wie der Seniorchef unter den deutschen Fahrern, hat man selten so locker erlebt wie am Mittwochabend in Neuss - und das nicht erst nach seinem Sieg. Da sprudelte es aus dem oft eher wortkargen Rostocker förmlich heraus.

Greipel ist neben seinem Sprinterkollegen Marcel Kittel ein Weltstar des Sports, auch wenn das in Deutschland kaum so wahrgenommen wird. Vielleicht haben sich die Deutschen allzu sehr an arrogante, Worthülsen absondernde Fußballer gewöhnt, wie sie das Fernsehen beinahe täglich serviert (und produziert) und halten deren Eigenschaften für zwingend notwendig, um als Weltstar zu gelten. Radsportler sind da anders. Greipel erfüllte geduldig, noch im verschwitzten Trikot im Sattel hockend, alle Autogrammwünsche und ließ sich ebenso oft vors Fotohandy locken wie Tourteufel Didi Senft.

Ebenso geduldig hatte er gemeinsam mit Rick Zabel vor dem Eliterennen zwei Runden mit den Tour-Kindern gedreht, die (ihre Eltern vielleicht noch mehr) diesen Abend sicher nicht so schnell vergessen werden. Und das alles, 80 Runden mit einer unglaublichen Durchschnittsgeschwindigkeit von 48,7 Stundenkilometern inklusive, für eine Gage, über die andere "Weltstars" nur müde lächeln würden. Mit dem Etat, mit dem der Neusser Radfahrerverein zehn Tour de France-Teilnehmer nach Neuss holte, käme ein Fußball-Bezirksligist nicht mal bis zur Winterpause.

Sicher, auch im Radsport gibt es Großverdiener wie Christopher Froome oder Peter Sagan, die schon vor dem Karriereende finanziell ausgesorgt haben. Doch für den größten Teil der Fahrer ist ihr Sport harte Arbeit für anderleuts Vergnügen. Sie leiden dabei (in Deutschland) immer noch unter Sünden und Fehlern der Vergangenheit, die sie nicht begangen und die sie nicht zu verantworten haben - und die sie hoffentlich nicht wiederholen werden.

Der glanzvolle Grand Départ der Tour de France, der mehr als eine Million Menschen an die Straßenränder zwischen Düsseldorf und Aachen lockte, aber auch Veranstaltungen wie die Tour de Neuss, deren 16. Auflage denen aus den "großen Zeiten" zu Beginn dieses Jahrtausends in nichts nachstand, lassen hoffen, dass der Radsport hierzulande das tiefe Tal der Tränen durchschritten hat. Es gibt wieder mehr Rennen, zwischen Mittwoch (Neuss) und Sonntag (Bochum) gleich fünf an der Zahl.

Und es gibt wieder Radsportfans. In Neuss waren es am 2. und am 26. Juli zusammengerechnet 120.000 Menschen, die mit der Durchfahrt der Tour de France und der Tour de Neuss bestens unterhalten wurden - das sind drei Viertel der Einwohner. Zahlen, wie sie ansonsten nur das Bürger-Schützen-Fest erreicht- und das ist in Neuss nun wirklich eine ganz besondere Geschichte.

Quelle: NGZ
 
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