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Sportgeschichten (77)
Hochleistungsträger mit Bodenhaftung

Sportgeschichten (77): Hochleistungsträger mit Bodenhaftung
Fußball ist international: Fachkundige Übungsleiter des Polizei-Sportvereins Neuss unterrichten die anspruchsvollen Kicker der Internationalen Schule am Rhein (ISR) im Umgang mit dem runden Leder. FOTO: Andreas Woitschützke
Neuss. Seit gut 18 Monaten hält sie nun, die "Ehe" zwischen der Internationalen Schule am Rhein (ISR) und dem Polizei-Sportverein (PSV) Neuss. Und das Ende des Honeymoons ist nicht in Sicht. Fußball trifft Bildung - oder ein Blick in die Zukunft des Sports. Von Dirk Sitterle

Neuss Sicher, die respekteinflößenden Schulgebäude der "ISR International School of the Rhine" am Konrad-Adenauer-Ring und die Platzanlage des PSV Neuss am Stadtwald liegen nur einen Katzensprung voneinander entfernt. Aber mal ehrlich. Wer hätte sich je auszumalen vermocht, dass diese beiden auf den ersten Blick so unterschiedlichen Partner mal zusammenfinden können? Peter Soliman, geschäftsführender Gesellschafter der ISR, konnte, weil er erkannt hat, wie ungemein positiv der vor allem in einer Mannschaft betriebene Sport auf die charakterliche Entwicklung junger Menschen einwirkt.

Da es für ihn keinen Sinn machte, "selber Expertise aufzubauen, wenn es in unmittelbarer Nachbarschaft hervorragende Partner gibt, nutzte er mit seiner zukunftsorientierten Schule die fußballerische Kompetenz des PSV. "Das passt perfekt zusammen", findet er: "Bei uns wird Leistung an sich honoriert, aber man kann trotzdem bodenständig bleiben. Das ist kein Widerspruch. Wir wollen nicht nur Brainys." Eine Philosophie, die in idealer Weise mit den Zielen der Vereinskicker harmoniert. Bei den "Polizisten" ist das Vorstandsteam um Geschäftsführer Bouchaib Dahhou und Fußball-Abteilungsleiter Markus Bartsch nämlich bemüht, die ziemlich eingefahrenen Strukturen im Fußballkreis 5 Grevenbroich/Neuss aufzubrechen. Begonnen haben sie damit im eigenen Verein, brachten vor allem ihre Nachwuchsarbeit auf ein neues Niveau. Bartsch geht sogar noch einen Schritt weiter: "Wir bauen komplett auf die Jugend."

Trockenübungen: Markus Bartsch, Fußball-Abteilungsleiter des PSV Neuss, bei der Vermittlung von theoretischen Kenntnissen am Kickertisch. FOTO: ISR

Und genau das macht den Verein so interessant für die benachbarte Schule. Was mit einer von 15 ISR-Schülern besuchten Fußball-AG begann, ist seit dem 27. September in einer Kooperationsvereinbarung fixiert. Die sieht ganz konkret die zeitliche Einbindung des Trainings (ab 16.30 Uhr) in das Nachmittagsprogramm der Schule vor, denn Ganztagsschulen geben Raum für Sport in der Schule, erlauben aber kaum Vereinssport danach. Ein attraktives Angebot, mittlerweile sind rund 60 der mehr als 250 aktiven Fußballer im PSV Schüler der ISR. "In unserer F-Jugend sind es sogar 75 Prozent der Mannschaft", sagt Dahhou.

Sprachprobleme regelt der Nachwuchs dabei ganz unaufgeregt unter sich, sozusagen auf dem kleinen Dienstweg. Zudem fungieren speziell ausgebildete Paten als Übersetzer. "Der Fußball ist aufgrund seiner Internationalität bestens geeignet", sagt Axel Lehnen, dessen im PSV kickender Sohn bereits seit dem Kindergarten die ISR besucht: "Es gibt nichts Vereinenderes." Die Pädagogen vertrauen bei der Arbeit ganz auf die hohe Qualität der vom Verein gestellten, ausschließlich ehrenamtlich tätigen Übungsleiter. "Diese Kompetenz würden wir gar nicht hinkriegen", betont Geschäftsführer Emil Cete (ISR). Er ist sich sicher: "Wenn die Leute wüssten, was die Vereine leisten, was für tolle Angebote da sind, dann müsste keiner vor der Playstation versauern. Die machen ganz einfach einen Superjob." Der könnte sogar noch besser sein, findet Bartsch. Für ihn ist dabei weniger durchaus mehr, soll heißen: "Wir haben zu viele Vereine - die machen das Ganze kaputt. Man müsste das konzentrieren, weg von ausschließlich eigenen Interessen. Auch wir beharren nicht auf dem Namen PSV Neuss - viel besser wäre der Oberbegriff: wir sind Neusser."

Das deckt sich mit den Absichten der ISR, der unter Peter Soliman stark daran gelegen ist, sich weiter zu öffnen. Das nächste gemeinsame Projekt ist die Teilnahme an der Aktion "Doppelpass 2020 - Schule und Verein" des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Im Rahmen dieser Initiative sind der Erwerb des Schulfußball-Schnupperabzeichens für Grundschüler und Viertklässler, die Ausbildung zum Junior-Coach oder das "k(l)ickende Klassenzimmer", bei dem mit "YouTube"-Clips, später auch im Praxistest die theoretischen Grundlagen des Fußballsports vermittelt werden sollen. Ein strammes Programm, doch Bartsch will es gar nicht anders haben: "Du könntest mir jetzt einen Haufen Geld hinlegen, das würde mich nicht jucken. Ein Blick in strahlende Kinderaugen ist uns Lohn genug und mit Geld ohnehin nicht aufzuwiegen."

Quelle: NGZ
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