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Lokalsport
Kanuten wird das Wasser abgegraben

Neuss. Wenn die Erft zurück in den Naturzustand versetzt wird, drohen die Kanustrecken in Gnadental zu verschwinden. Für die Sportart hätte das fatale Folgen. Von Christos Pasvantis

Dass die Erft im Zuge der EU-Verordnungen in den kommenden Jahren renaturiert wird, ist gleichermaßen bekannt wie unumstößlich. Die rund 30 Kanuvereine und über 500 Sportler aus ganz Nordrhein-Westfalen, die regelmäßig an der Gnadentaler Römerbrücke und am Wiesenwehr fahren und trainieren, sehen sich daher in ihrer Existenz bedroht. Denn durch die Umstrukturierung würde die Strömungsgeschwindigkeit deutlich sinken und die Strecke für den Sport wohl unbrauchbar werden. "Ohne diesen Standort sind Teile der Sportart in Nordrhein-Westfalen tot", sagt Randolf Wojdowski, Geschäftsführer des Kanuverbandes NRW.

Zu einer Lagebesprechung traf sich der Verband mit gut 20 Vereinsvertreter aus dem ganzen Land. Dabei war auch Dieter Welsink, CDU-Chef im Kreistag und Weltmeister von 1979 im Zweier-Canadier. Er fordert: "Diese Sportart darf nicht von hier verschwinden. Ohne die Erft wäre ich damals mit Sicherheit nicht Weltmeister geworden." Dass die Renaturierung richtig und wichtig ist, wollen die Kanuten dabei gar nicht bestreiten. "Wir Sportler sind selbst die größten Naturschützer", sagt Wojdowski. Vielmehr gehe es ihm darum, dass die Kanuten bei der Wasserbauplanung entweder ignoriert oder vollständig vergessen worden seien: "Wenn man sich die Pläne ansieht, erweckt es den Eindruck, als wenn die Verantwortlichen sich in unseren Belangen wenig bis gar nicht auskennen."

Bis zum 31. März hat der Kanuverband nun Zeit, bei der Stadt eine Stellungnahme abzugeben. "Unser Ziel muss es sein, in der Planung Berücksichtigung zu finden", fasst Wojdowski nach Rücksprache mit den Vertretern zusammen. Unterstützung erhält er dabei auch von Kreisdirektor Dirk Brügge, der nach Gesprächen mit dem für den Umbau federführenden Erftverband einen zuversichtlichen Eindruck machte: "Der Erftverband hat nichts gegen eine Kooperation einzuwenden und ist grundsätzlich gesprächsbereit."

Eine denkbare Option für die Kanuten: Wenn die Erft in Gnadental sowieso mit teuren Baumaßnahmen umgestaltet wird, warum dann nicht gleich am Rand des Flusses Vorrichtungen einbauen, die den Kanuten ein weiteres Training ermöglichen würden? "Wir hoffen sehr, dass wir in diese Richtung etwas bewegen können", sagt Wojdowski.

In den Sparten Wildwasserfahrt, Slalom, Freestyle und Wanderfahrt sei die Bedeutung der Gnadentaler Strecken nicht zu unterschätzen. Gerade die Freestyler müssten ihren Betrieb ohne das Wiesenwehr Stand jetzt definitiv einstellen - die Trainingsstelle ist eine von nur vier in ganz Deutschland und hat ein Einzugsgebiet im Umkreis von 300 Kilometern. Im Slalom ist die Gnadentaler Strecke eine von nur zwei Landesstützpunkten, auf der aktuell 26 NRW-Kadersportler trainieren. Zudem bieten auch mehrere kommerzielle Anbieter Kanutouren auf der Erft an. Die Strecke am Römertor ist jeden Tag bis in die Abendstunden voll belegt.

Eher nicht zur Debatte steht ein Umzug auf die vorhandene Anlage in Grevenbroich am Flutgraben, wo die Trainingsbedingungen wegen der geringen Wassergeschwindigkeit ebenfalls alles andere als optimal sind.

Langfristig müssen sich die heimischen Kanuten allerdings ohnehin etwas überlegen. Denn dass die Erft sich überhaupt so gut für den Sport eignet, liegt daran, dass RWE mit seinen Braunkohlewerken so viel Wasser in den Fluss einspeist. Da der Kohle-Ausstieg bereits beschlossen ist, weist Brügge auf die Konsequenzen hin: "Die Erft ist in ihrer jetzigen Form ein künstliches Gewässer. Wenn vielleicht schon 2030 kein Wasser mehr 'reingepumpt wird, wird der Wasserstand auch zurückgehen." Dann könnte auch eine künstliche Strecke ein Thema werden. Doch fernab aller Zukunftsmusik hoffen Welsink und seine Kanuten, in ihren Booten nicht bald im wahrsten Wortsinn auf dem Trockenen zu sitzen: "Dieser Sport hat es wie kein anderer geschafft, Vereine zusammenzubringen. Es ist ganz wichtig, ihm nicht seine Zukunft zu rauben."

Quelle: NGZ
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