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Mann mit Pfeife und Sinn für Kunst

Lokalsport: Mann mit Pfeife und Sinn für Kunst
Die Ehrung (v.l.) Udo Penßler-Beyer (DFB), Stefan Menze, Andreas Thiemann (DFB), Susanne Ossenbühl , Herbert Fandel und Karl-Heinz Kobus. FOTO: privat/Tinter
Neuss. Der Neusser Unparteiische Karl-Heinz Kobus (72) wird im Rahmen der DFB-Aktion "Danke, Schiri!" ausgezeichnet. Von Dirk Sitterle

Seit dem vergangenen Freitag sind mal wieder 80 Millionen Bundestrainer am Werk, um die Arbeit von Jogi Löw mit der DFB-Auswahl bei der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich bis ins letzte Detail, mitunter sogar sachlich, auf jeden Fall aber kritisch zu bewerten. Doch während sich der Nationalcoach seit dem WM-Gewinn 2014 in Brasilien höchstens noch für seinen auf TV-Bildern festgehaltenen Fehlgriff in die Hose zu rechtfertigen hat, kann der Mann an der Pfeife in seinem höchst undankbaren Job eigentlich nichts "richtig" machen.

Und weil das so ist, hat der findige Deutsche Fußball-Bund die Aktion "Danke, Schiri!" aufgelegt. Stellvertretend für die rund 2700 Unparteiischen im Fußballverband Niederrhein (FVN) erhielten drei besonders verdiente Referees als Anerkennung für ihr ehrenamtliches Engagement eine Einladung zur Ehrung im Vier-Sterne-Hotel Courtyard by Marriott am Maschsee in Hannover. Unter den deutschlandweit 63 ausgezeichneten Schiedsrichtern (jeder der 21 im DFB vereinten Verbände durfte drei Kandidaten auswählen) befand sich auch der Neusser Karl-Heinz Kobus. Der 72-Jährige, um dessen Bewerbung sich der neue Kreisfußball-Vorsitzende Dirk Gärtner und sein Vorgänger Hermann-Josef Koch sehr verdient gemacht hatten, fand zwar erst im zarten Kicker-Alter von 28 Jahren, sozusagen auf dem zweiten Bildungsweg zur Pfeife, blieb dann aber mit Feuereifer dabei. Die Maxime des ehemaligen Stürmers ist auch nach mehr als 1200 Pflichtspielen gleichgeblieben. Er sieht sich als Künstler, dessen hochrangigste Aufgabe es ist, "mit 22 Spielern auf den Platz zu gehen und ihn nach dem Schlusspfiff ohne Rote Karte auch wieder gemeinsam zu verlassen." Zwar ist er von Natur aus ein recht umgänglicher Mensch, doch hat er sich über die Jahre auch ein dickes Fell zugelegt. Dass ihn in Grefrath einst ein sehr unzufriedener Fußballer zur Strafe mal in der Kabine eingesperrt hat, brachte ihn darum keineswegs aus der Ruhe. Die mit der Ehrung verbundene Wertschätzung seiner Leistung freut ihn kolossal, hatte ihn die 1973 begonnene Karriere aufgrund von Verletzungen doch "nur" bis in die Verbandsliga geführt. Seine Bedeutung für den Fußballkreis 5 ist trotzdem unbestritten: Er erleichtert als geduldiger Ratgeber Jungschiedsrichtern den schwierigen Einstieg ins Geschäft und macht sich um deren Ausbildung verdient. Sein Mercedes-Benz Sprinter, mit dem er im Auftrag des Neusser Busunternehmens Wabbels vier Stunden am Tag Schüler der Gemeinnützigen Werkstätten oder der Internationalen Schule ans Ziel bringt, ist als Taxi gefragt, vor allem bei der Inklusionsmannschaft des BV Weckhoven. Wo andere nur reden, macht Karl-Heinz Kobus, der inzwischen für die SVG Weißenberg in der Kreisliga C und im Jugendbereich pfeift, einfach. Auch darum war er in Hannover, wo er als V.I.P. in der HDI Arena nicht nur Bundesliga-Fußball geboten bekam, sondern auch auf den im Herbst ausscheidenden Schiedsrichter-Chef Herbert Fandel traf. Der war direkt mittendrin statt nur dabei. "Wir haben bis 2 Uhr in der Nacht gefeiert - und er hat sich nicht lumpen lassen", stellt Kobus schmunzelnd fest. Diese Stunden vergisst er nie. "Das war das höchste." Genau wie das Match, das ihn vor mittlerweile mehr als vier Jahrzehnten die Fronten wechseln ließ: Er war damals für die DJK Nordstadt am Ball, als ihn der längst legendäre Schiedsrichter Karl Santner, schon immer bekannt für unkonventionelle Entscheidungen, nach einem Foulspiel mit "Rot" vom Feld stellte. "Für mein Empfinden viel zu hart bestraft, beschloss ich, es selber als Schiedsrichter zu versuchen."

Aus dem Selbsttest ist eine Passion geworden, wenngleich er sich nicht krampfhaft an das oft stressige Hobby klammern will. Für ihn steht darum fest: "Mit 75 Jahren ist Schluss! Dann mache ich mein Abschiedsspiel." Das gilt indes nur für aktive Einsätze auf dem Fußballplatz - der Schiedsrichterei will er unbedingt treu bleiben. "Ich könnte mir gut vorstellen, dass ich zum Beispiel Kollegen im Krankenhaus besuche, um ihnen zu zeigen, dass wir an sie denken."

Fürs Erste schlüpft er jedoch weiter in die mit der Ehrung erhaltene Schiedsrichterkluft. "Um die tragen zu können", verrät er lachend, "muss ich aber noch ein bisschen abnehmen."

Quelle: NGZ
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