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Kopf Des Jahres 2017
Max Hartung kämpft mit Säbel und Worten

Neuss. Als Säbelfechter ist der Dormagener Europameister, als Athletensprecher des DOSB setzt er sich für mehr Chancengleichheit im Sport ein. Von Volker Koch

Dormagen Er ist aktueller Europameister. Er war vor drei Jahren Weltmeister. Und er hat das höchste Amt inne, das man als Athlet im deutschen Sport überhaupt bekleiden kann. Wäre Max Hartung Fußballer, hätte er für den Rest seines Lebens ausgesorgt. Weil sich Max Hartung aber seit seinem fünften Lebensjahr mit Haut und Haaren dem Säbelfechten verschrieben hat, stellt er 23 Jahre später nüchtern fest: "Wenn ich alle Förder- und Sponsorengelder und die Ausgaben für meinen Sport gegenüberstelle, zahle ich am Ende drauf."

Max Hartung jammert nicht deswegen. Doch der 28-Jährige kämpft dafür, dass es der nachfolgenden Sportlergeneration besser gehen soll im Schatten des in Deutschland übermächtigen Fußballs. Er möchte ein Stück soziale Gerechtigkeit herstellen für all die, die (von wenigen Ausnahmen abgesehen) mit ihrem Sport nie Geld verdienen werden hierzulande - die Fechter, Schwimmer, Ruderer, die Kanuten, die Judoka und die Turner.

Kurz: All die Sportarten, die, wenn überhaupt, nur alle vier Jahre im Blickpunkt stehen, wenn es um olympische Medaillen geht. Die dafür aber meist mehr investieren, an Zeit, Kraft, Schweiß und Training, als jene, die von ihrem sportlichen Tun (gut) leben können. Max Hartung hat sich deshalb im Frühjahr zum Vorsitzenden der Athletenvertretung innerhalb des DOSB wählen lassen. Und er ist einer der führenden Köpfe hinter dem Ende Oktober neu gegründeten Verein "Athleten Deutschland", einer Art Athleten-Gewerkschaft, die den Forderungen der Aktiven mehr Nachdruck verleihen soll.

Der Kampf ist zäh, und er fordert den ganzen Mann. "Eigentlich kann das gar keiner machen, der selbst noch aktiv ist", sagt Vilmos Szabo. Der Bundestrainer der Säbelfechter hat im Somer am eigenen Leib erfahren müssen, wie sehr die Doppel- und Dreifachbelastung seinem Musterschüler zusetzt. "Das war reine Kopfsache. Max hat das Fechten ja nicht verlernt", sagt Szabo über den enttäuschenden Auftritt bei den Weltmeisterschaften.

Und das ausgerechnet beim "Heimspiel" in Leipzig. Hartung, kurz zuvor Europameister geworden, war als einer der Titelanwärter angereist. Schon im Einzel gab seine 11:15-Niederlage gegen den Ungarn Andras Szatmari Rätsel auf. "Ihn habe ich zuvor zwei Mal deutlich geschlagen", sagt Hartung nach Platz zehn im Endklassement. Im Mannschaftswettbewerb dann der totale Blackout: Hartung betritt im Achtelfinale gegen Frankreich mit einer 40:27-Führung die Planche zum letzten Gefecht. Fünf Punkte, mehr muss der 28-Jährige nicht machen gegen Vincent Anstett. Am Ende werden es nur vier - der Titelanwärter ist draußen nach seiner 44:45-Niederlage. "Unfassbar", sagt Szabo auch ein Vierteljahr später. Und: "Es war alles zuviel für Max."

Doch der Bundestrainer, der Hartung sozusagen von der ersten Stunde an betreut, sagt auch: "Wenn einer das packt, dann der Max." Hartung sei "durchorganisiert wie kein anderer Fechter." Erfreut hat Szabo, der heute seinen 53. Geburtstag feiert, registriert, dass sich sein Schützling nach Abschluss seines Bachelor-Studiums (Soziologie, Politik und Wirtschaft) bis zu den Olympischen Spielen 2020 in Tokio ganz aufs Fechten konzentrieren will. "Und der neue Verein wird ihm einiges an Arbeit abnehmen", hofft der Bundestrainer.

Wenn sich Max Hartung nicht neue aufhalst. Als der TSV Bayer Dormagen, dem er seit seinem fünften Lebensjahr angehört, Anfang Dezember das Junioren-Weltcupturnier um den "Preis der Chemiestadt" ausrichtete, bahnte sich der Europameister mit einem Tablett voll Kanapees und Fingerfood seinen Weg durch die geladenen Gäste im Zuschauertreff des Bayer-Sportcenters, wechselte mit jedem ein paar Worte und bot seine Häppchen an. Lassen Sie das mal einen Weltmeister im Fußball machen . . .

Quelle: NGZ
 
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