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Sportgeschichten (81)
Mit 85 Jahren noch fit wie ein Turnschuh

Neuss. 79 seiner 85 Lebensjahre hat Theodor Kessel Sport getrieben - noch heute ist er auf der Halbmarathonstrecke unterwegs. Von Volker Koch

Neuss Bei welchem Lauf Theodor Kessel an den Start geht, da erregt er Aufsehen. Nicht, weil er zu den Schnellsten seiner Zunft gehört - zumeist erreicht der Neusser im hinteren Drittel des Feldes das Ziel. Was jedoch nicht weiter verwunderlich ist, schließlich zählt er stets zu den ältesten Teilnehmern.

Selbst unter den insgesamt 24.500, die sich im Oktober vergangenen Jahres beim Köln-Marathon über unterschiedliche Distanzen auf die Strecke wagten, "war nur einer vom gleichen Jahrgang wie ich", sagt Theodor Kessel. 1930 hat er auf der Neußerfurth das Licht der Welt erblickt. Mit stolzen 85 Jahren ist er immer noch fit wie der sprichwörtliche Turnschuh, spult, wenn das Wetter es erlaubt, wöchentlich zwischen 60 und 100 Trainingskilometer ab - laufend, wohlgemerkt, ohne Elektromotor oder sonstige Hilfsmittel.

Außer einer eisenharten Konstitution und einer gesunden Ernährungsweise. "Darauf muss man achten", sagt Theodor Kessel. Dem dabei sicher auch zugute kommt, dass er praktisch zeit seines Lebens Sport getrieben hat. Mit sechs Jahren, gerade in der Burgunderschule eingeschult, fing es mit Schwimmunterricht beim Neusser Schwimmverein an. Am Ende des Zweiten Weltkriegs - "zum Glück war ich noch zu jung, um als Flakhelfer eingesetzt zu werden", sagt Kessel - wurde er als Meldegänger eingeteilt. Und holte sich dabei die Kondition, die er sich bis heute bewahrt hat.

Und die es ihm möglich macht, mit 85 Jahren noch auf der Halbmarathonstrecke unterwegs zu sein. Die 21,1 Kilometer durch Köln lief er im vergangenen Herbst in 3:00:30 Stunden, ließ dabei einen ganzen Haufen Jüngere hinter sich und ärgerte sich im Ziel dann doch. Erstens über sich selbst, "weil ich unterwegs irgendwo die dreißig Sekunden verplempert habe. Ich wäre gerne unter drei Stunden geblieben." Und zweitens über den Veranstalter, der ihn zunächst auf Platz vier der Altersklasse M 80 in die Wertung nahm. "Dabei sind die doch viel jünger", sagt Theodor Kessel. Ein paar Tage später wurde der Irrtum bemerkt - und Kessel erhielt per Post seine Urkunde als Schnellster der M 85 nach Hause geschickt, zusammen "mit ein paar wirklich schönen Lauffotos." Vielleicht, weil er im Ziel mit fast so viel Aufmerksamkeit bedacht wurde wie der Sieger, ein Interview mit dem begleitenden Kamerateam des Kölner Haussenders WDR inklusive.

Zu erzählen hat Theodor Kessel viel. Von all den Sportarten, die er ausprobiert und ausgeübt hat, vom Hockey übers Rettungsschwimmen bis zum Rennradfahren. Von seinen ehrenamtlichen Tätigkeiten, ob als Schwimm-Aufsicht oder Sportabzeichenprüfer. Vom Choreografie-Unterricht bei seiner Tante, einer ausgebildeten Ballettmeisterin, bis zum Sportbootsführerschein, den er beim Kölner Yacht-Club machte.

Ein bewegtes Leben, nennt man so etwas. "Ich habe immer gerne viel unterschiedliche Dinge gemacht", sagt Theodor Kessel. Auch beruflich beim Maschinenbauer Klöckner-Humboldt-Deutz, wo er als "Springer" arbeitete: "Oft wusste ich freitags nicht, als was ich am Montag gearbeitet habe."

Die große Konstante in seinem Leben blieb die Neußerfurth - "hier bin ich zu Hause, hier lebe ich gerne", sagt der 85-Jährige. Dass er seinen Trainingsfleiß nicht wie andere mit Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften krönt, hat einen simplen Grund: "Meine Flugangst. Und die meisten dieser Wettbewerbe finden ja weit weg im Ausland statt", sagt Theodor Kessel. Und das ohne Groll - ihm genügt es, sich selbst zu bestätigen. Träume hat man aber auch mit 85 - Theo Kessel würde gerne noch mal einen vollen Marathon (42,195 km) laufen. Doch das, sagt er, "muss ich erst mit den Ärzten besprechen."

Quelle: NGZ
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