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Lokalsport
Mit "Brettchen" und "Schmirgelpapier"

Lokalsport: Mit "Brettchen" und "Schmirgelpapier"
FOTO: Jens Rustemeier
Büttgen. Der Büttgener Tischtennis-Spieler Gerhard Apitzsch feierte gestern seinen 90. Geburtstag. Mit dem Gewinn der Silber-medaille bei den Senioren-Weltmeisterschaften in Alicante will er seine Karriere als Turnierspieler nun aber beenden. Von Jens Rustemeier

Seinen 90. Geburtstag hat Gerhard Apitzsch gestern im kleinen Kreise seiner Familie gefeiert. Ein Essen im Brauhaus, Kaffee und Kuchen gab es zu Hause an heimischer Tafel. Eigentlich hatte der Büttgener Tischtennis-Spieler ein weitaus größeres Fest zu seinem besonderen Lebens-Jubiläum geplant. Aber die Ereignisse rund um die Senioren-WM im spanischen Alicante haben ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Zuerst war die Freude riesengroß: Mit seinen 89 Jahren durfte er erstmals in der Altersklasse 90 bei einer Weltmeisterschaft dabei sein. Die Statuten erlauben es, dass Sportler bereits in der höheren Altersklasse starten dürfen, wenn der Geburtstag noch in dem jeweiligen Jahr ansteht. Der immer noch ehrgeizige Apitzsch witterte sofort seine Chance: "Das war der Grund, warum ich mich für die Weltmeisterschaften angemeldet habe. Bei den jungen 85-Jährigen hätte ich doch keine Chance gehabt." Er wurde mit dem Gewinn der Silbermedaille im Doppel belohnt und besorgte sich damit selbst ein vorzeitiges Geburtstagsgeschenk, auch wenn er es sich nicht verkneifen konnte, dass er auch gerne noch einmal Weltmeister geworden wäre.

Auf die sportlichen Highlights folgte dann aber der große Schock: Auf der Rückfahrt mit dem Taxi zum Flughafen erlitt Apitzsch einen Zusammenbruch und verlor das Bewusstsein. "Ich wurde gefragt, ob ich Hilfe beim Aussteigen brauche. Ich sagte: Nein. Danach weiß ich nichts mehr", berichtet Apitzsch. Er wurde in Elche in ein Krankenhaus eingeliefert und lag eine Nacht auf der Intensivstation im Koma. Insgesamt verbrachte er über eine Woche im spanischen Hospital. Jetzt ist er zurück in Deutschland und freut sich, dass es ihm wieder besser geht. "Ich fühle mich gut. Die Ärzte haben nichts festgestellt. Es war wohl eine Überlastung", sagt er. Er macht einen entspannten, ausgeruhten Eindruck. Der WM-Silbermedaillengewinn von Alicante soll seine letzte sportliche Auszeichnung sein: "Mit dem Wettkampfsport mache ich jetzt Schluss, es reicht", sagt er und schließt direkt an, dass er sich aber weiter fit halten und zum Training gehen will. "Den ganzen Tag Fernsehen gucken, das ist nichts für mich", stellt er. klar

Apitzsch ist im thüringischen Eisenach aufgewachsen. Seine erste Berührung mit dem Tischtennis-Sport fand 1947 unter erniedrigenden Bedingungen statt. Er befand sich in französischer Kriegsgefangenschaft, als er zum ersten Mal zum Schläger griff: "Wir haben uns Brettchen mit Schmirgelpapier gebaut und damit gespielt." Im Verein war er erstmals ab 1948 aktiv. Motor Eisenach hieß sein erster Club. Ende der 1950er-Jahre siedelte er in den Westen um, machte 1959 Zwischenstation in Solingen. Seit den 1970-ern ist ununterbrochen für den VfR Büttgen aktiv, spielte viele Jahre in der ersten Mannschaft des Vereins und räumte als Senioren-Spieler im höheren Alter regelmäßig bei den Kreismeisterschaften die Titel ab. "Das war eigentlich langweilig. Es gab keine Gegner." Hinfahren, Urkunde abholen und wieder nach Hause fahren, lautete oft das Motto. Erst bei den Bezirks- und Landesmeisterschaften bekam er dann Konkurrenz von seinen Altersgenossen. Er schaffte mehrfach die Qualifikation zu den nationalen Meisterschaften und wurde zweimal Dritter im Doppel bei den Deutschen Meisterschaften.

Beim VfR Büttgen weiß man die Verdienste des langjährigen Mitglieds zu schätzen. Am vergangenen Mittwoch wurde er im Vereinsheim an der Driescher Straße geehrt. "Ich freue mich, dass sich Gerhard immer noch so eifrig im Tischtennis engagiert. Er kommt regelmäßig zu den Spielen unserer ersten Mannschaft. Mit seiner Teilnahme bei den Weltmeisterschaften in Alicante und dem Gewinn der Silbermedaille hat er uns alle überrascht. Es ist toll, dass er sich diesen Traum hat erfüllen können", sagt VfR-Abteilungsleiter Hermann-Josef Tombrink. Für Gerhard Apitzsch steht fest, dass er sich auch weiter regelmäßig in der Sporthalle sehen lassen will, um sich auch mit neunzig Jahren sportlich fit zu halten.

Quelle: NGZ
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