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Lokalsport
Nachfolger für die goldene Generation gesucht

Lokalsport: Nachfolger für die goldene Generation gesucht
Der Nachwuchs ist das Kapital jedes Vereins. Bei den Säbelfechtern des TSV Bayer Dormagen herrscht kein Nachwuchsmangel, doch die Rahmenbedingungen machen das Vordringen in die internationale Spitze immer schwieriger. FOTO: Heinz J. Zaunbrecher
Dormagen. Dormagens Erfolgsfechter kommen in die Jahre. Der Nachwuchs ist zwar da, doch er kämpft mit schwierigen Rahmenbedingungen. Von Volker Koch

Wer auch immer das Bildungswesen in Deutschland in den vergangenen Jahren reformiert hat, ein Freund des Leistungssports kann es nicht gewesen sein. "Früher", sagt Vilmos Szabo, seines Zeichens Bundestrainer der deutschen Säbelfechter, "früher fingen die Jungs mit 21 oder 22 an zu studieren. Heute sind sie in diesem Alter schon mit dem Studium fertig." Für ihn und seine Kollegen im bundesdeutschen Spitzensport hat das einschneidende Konsequenzen. "Wir haben hochtalentierte Fechter, für die stellt sich mit Anfang 20 schon die Frage nach der Berufswahl", sagt Szabo und schiebt die Frage nach: "Wie sollen die sich denn noch auf ihren Sport konzentrieren?"

Die Frage ist keineswegs rhetorisch gemeint. Die Rahmenbedingungen, vor allem die durch das Bildungssystem vorgegebenen, machen dem Nachwuchs-Leistungssport allerorten zu schaffen. Eine so trainingsintensive Sportart wie das (Säbel-) Fechten spürt die Auswirkungen jedoch ganz besonders. Verkürzte Schulzeit gepaart mit längerer Verweildauer in der Schule verschieben das Training immer weiter in die Abendstunden. Während am Nachmittag die Hallen leerstehen und die Übungsleiter Däumchen drehen, wird es dann eng.

"Trainer und Fechtbahnen sind dann so knapp bemessen, dass wir schon in die Halle des Norbert-Gymnasiums nach Knechtsteden ausweichen müssen", sagt Olaf Kawald, Fechtkoordinator des TSV Bayer Dormagen, dem unangefochtenen Branchenführer im deutschen Säbelfechten. Das Platzproblem ließe sich durch den seit Jahren im Gespräch befindlichen Bau einer Fechthalle im Sportpark am Höhenberg lösen. "Das Thema wird uns weiter beschäftigen", mehr möchte Kawald dazu nicht sagen.

Für die anderen Probleme Lösungen zu finden, dürfte wesentlich schwieriger werden. Weil Trainerstellen in den so genannten "Amateursportarten" schlecht bezahlt sind, findet sich kaum jemand, der bereit ist, den "Knochenjob" (Kawald) zu übernehmen. Die viel diskutierte Leistungssportreform des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) hat da (noch) zu keiner Verbesserung geführt, im Gegenteil: "Wir können fast nur noch zeitlich eng befristete Verträge anbieten", sagt Kawald. Zwei seiner insgesamt sechs Hauptamtler hingen ab 1. Januar "in der Luft, wenn der Verein nicht zum wiederholten Male in die Bresche springen würde." Soziale Verantwortung, sagt der 52-Jährige, der auch Fachbereichstrainer Säbel beim Deutschen Fechterbund ist, sähe anders aus.

Doch selbst wenn ein ungeahnter Geldsegen über dem Fechterbund niederginge, Problem Nummer drei könnte das gravierendste werden in den kommenden Jahren: "Die Kinder kommen schon müde zum Training, denen fällt es immer schwerer, sich nach so einem langen Schultag zu konzentrieren. Manche schlafen in den kurzen Trainingspausen ein", hat Vilmos Szabo beobachtet. Wie sich daraus Nachfolger für Nicolas Limbach, Max Hartung und Co. entwickeln sollen, weiß keiner.

"Nach so einer goldenen Generation fällt man immer ein bisschen in ein Loch, das ist auch in anderen Sportarten so", sagt Kawald. Der Knick wird kommen, wenn die Welt- und Europameister der vergangenen Jahre nach den Olympischen Spielen 2020 abtreten. Rein fechterisch stünden potenzielle Nachfolger bereit: "Raoul Bonah, Domenik Koch, Lorenz Kempf - die können das", ist Szabo überzeugt.

Die Frage, die auch der Bundestrainer nicht beantworten kann: Wollen sie? Und vor allem: Lassen ihnen die Rahmenbedingungen überhaupt eine Chance, sich aufs Fechten zu konzentrieren? In der Weltrangliste der Säbelteams hat sich der Iran bereits vor den Deutschen Fechterbund geschoben, Rumänien und Georgien folgen dicht auf. In anderen Sportarten ist das ähnlich. "Wenn Deutschland bei Olympischen Spielen im Medaillenspiegel weiter oben dabei sein möchte, muss sich 'was ändern", sagt Olaf Kawald. Falls es dazu nicht schon zu spät ist.

Quelle: NGZ
 
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