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Kreisdirektor Dirk Brügge
"Sport gibt einem ein Gemeinschaftsgefühl"

Kreisdirektor Dirk Brügge: "Sport gibt einem ein Gemeinschaftsgefühl"
Integration durch Sport: Ahmed Sharaf (r.) war schon in seiner syrischen Heimat Radsportler. Nun trainiert er bei der SG Kaarst gemeinsam mit Berivan Iltümür (l.) und Torben Xanke unter Anleitung von Trainerin Sabine Xanke. FOTO: Berns
Neuss. Knapp ein Jahr nach Dienstantritt spricht Kreisdirektor Dirk Brügge über Sport und Flüchtlinge, Bauvorhaben und die Tour de France.

Herr Brügge, in ihren ersten elf Monaten als Kreisdirektor und Sportdezernent des Rhein-Kreises Neuss war die Flüchtlingsproblematik das beherrschende Thema hierzulande. Sind dadurch andere Themen, wie zum Beispiel die Sportpolitik, zu kurz gekommen?

Dirk Brügge Das sehe ich nicht so. Natürlich haben die durch den Zustrom von Flüchtlingen und Asylbewerbern entstandenen Probleme viel Einsatz und Engagement unserer gesamten Kreisverwaltung gefordert, aber darüber haben wir die anderen Themen nicht vernachlässigt. Schon gar nicht die sportpolitischen. Da ist in den vergangenen Jahren hervorragende Arbeit geleistet worden, die wir natürlich fortsetzen wollen. Ich kann jedenfalls nicht erkennen, dass irgendein Themenfeld nicht so intensiv angegangen worden wäre wie es angedacht war.

Am Gespräch mit den NGZ-Redakteuren Frank Kirschstein (l.) und Volker Koch nahm auch Thomas Schütz (2. v. r.), Leiter Sportförderung des Rhein-Kreises, teil. FOTO: Woitschützke, Andreas (woi)

Der Sport spielt im Zusammenhang mit der Flüchtlingsproblematik eine durchaus ambivalente Rolle. Auf der einen Seite wird er für seine Integrationskraft gelobt, auf der anderen Seite werden ihm immer mehr Sporthallen entzogen, weil in ihnen nun Flüchtlinge leben.

Brügge Der Sport spielt eine ganz wichtige Rolle. Ich kann mir kaum einen anderen gesellschaftlichen Bereich vorstellen, in dem die Eingliederung zu uns gekommener Menschen so gut und schnell funktioniert wie im Sport. Sport gibt einem ein Gemeinschaftsgefühl, im Sport fallen relativ schnell Sprachbarrieren, im Sport wird Leistung anerkannt, egal, woher man kommt. Ich kann es deshalb nur begrüßen, dass sich so viele Sportvereine im Rhein-Kreis, aber auch der Kreissportbund, die Stadt- und Gemeindesportverbände, in Sachen Integration engagieren. Auch die notwendige Inanspruchnahme von Sporthallen wird von den Sportvereinen ja weitgehend mitgetragen - es hätte auch andere Reaktionen geben können.

Aber gerade die Stadt- und Gemeindesportverbände haben unter Führung des Kreissportbundes vehement gegen die Belegung von Turnhallen durch Flüchtlinge, auch durch den Rhein-Kreis, protestiert.

Brügge Der Kreis hat eine seiner drei Sporthallen, nämlich die am BBZ in Grevenbroich, als Flüchtlingsunterkunft zur Verfügung gestellt, weil es nicht anders ging. Wir haben aber schnell mit den betroffenen Vereinen gesprochen und ihnen Lösungen aufgezeigt. Die Kritik der Sportbünde richtete sich ja auch weniger an den Kreis und die Kommunen als gegen die Zuteilungsverfahren von Land und Bund. Am wichtigsten scheint mir, dass man die Betroffenen nicht einfach vor vollendete Tatsachen stellt, sondern mit ihnen spricht und versucht, gemeinsame Lösungen zu erarbeiten. Im Sport funktioniert das meistens sehr gut, ich habe den Eindruck, dass die Sportvereine durch die aktuelle Situation noch näher zusammen gerückt sind und stärker zusammen arbeiten.

Fürchten Sie, dass die Umwidmung von Sporthallen in Flüchtlingsunterkünfte zur Dauerlösung wird?

Brügge Ich kann da nur für die Halle am BBZ sprechen. Und da können wir nicht absehen, wann wir sie wieder für den Sportbetrieb freigeben können, weil wir nicht absehen können, wie viele Flüchtlinge noch zu uns kommen. Wir streben das an, aber wir wissen nicht, wie lange das Land bei der Erstaufnahme noch auf die Hilfe des Kreises angewiesen ist. Und weil wir das nicht wissen, macht es aus wirtschaftlichen Gründen derzeit auch keinen Sinn, eine Gewerbehalle anzumieten, die dann möglicherweise leer steht. Eine Dauerlösung kann die Unterbringung auf keinen Fall sein, deshalb benötigen wir möglichst schnell preisgünstigen Wohnraum - und das angesichts der prognostizierten Wachstumsraten der Bevölkerung im Rhein-Kreis nicht nur wegen der Flüchtlinge. Aus diesem Grund tragen wir uns ja auch mit dem Gedanken, eine Kreis-Wohnungsbaugesellschaft zu gründen - wie immer die ausgestaltet wird und wer immer deren Träger sein werden.

Zurück zur Sportpolitik. Sie sprachen eingangs von der Fortsetzung der hervorragenden Arbeit, die in den vergangenen Jahren geleistet wurde. Heißt das, Sportpolitik bedeutet für Sie einfach ein: Weiter so.

Brügge Keineswegs. Wir haben durchaus Ziele, wir wollen durchaus die vorhandenen Strukturen - wir waren ja der erste Kreis, der als NRW-Leistungssportzentrum anerkannt wurde - optimieren. Dabei geht es auch um die Verbesserung der infrastrukturellen Voraussetzungen für den Leistungssport und die Frage, wie wir das finanzieren können. Konkret geht es dabei um zwei Projekte.

Als da wären?

Brügge Der Neubau einer Fechthalle in Dormagen und der Ausbau des Sportforums in Büttgen zu einem Hochleistungsstandort für den Radsport. Was die Dormagener Säbelfechter sportlich leisten, darüber brauchen wir nicht zu reden. Die vorhandenen Trainingsbedingungen stehen aber nicht in Relation zu dieser Leistung und den erzielten Erfolgen. Ich sehe nach einigen Gesprächen Signale, dass die, die das Geld für eine solche Maßnahme geben könnten, das inzwischen ähnlich sehen. In Büttgen stehen wir in Konkurrenz zur Kölner Radrennbahn, haben aber den Vorteil, dass wir schon mal ein Dach über dem Kopf haben. Jetzt müssen wir sehen, wie die Probleme der Halle, vor allem die Wärmedämmung, technisch machbar sind und wie man das finanziert bekommt.

Kritiker werfen dem Kreis vor, sich fast ausschließlich um den Leistungs- und Spitzensport zu kümmern.

Brügge Das ist falsch. Der Leistungssport ist ein Baustein, und sicher ein wichtiger, denn nur durch ihn bekommen wir die Vorbilder, die man braucht, um Kinder und Jugendliche zum Sport zu bringen - so wie jetzt hoffentlich unsere Handball-Europameister. Aber mehr als die Hälfte des Sportetats fließt in die Förderung der Übungsleiter, und die sind überwiegend im Breitensport tätig. Gemeinsam mit dem Gesundheitsamt beackern wir auch das weite Themenfeld Sport und Gesundheit. Und im Moment kümmern wir uns intensiv um eine Zusammenarbeit zwischen Schule und Sport.

Was angesichts der veränderten Schullandschaft und der Ausdehnung des Unterrichts bis in den Nachmittag hinein auch nötig sein dürfte.

Brügge In der Tat müssen hier strukturelle Änderungen kommen. Darum müssen wir den schulischen Bereich und die Sportvereine zusammenbringen. Die Versäumnisse, die sich alle Beteiligten bei der Einführung des Offenen Ganztags im Grundschulbereich geleistet haben, dürfen sich jetzt bei den weiterführenden Schulen nicht wiederholen, sonst wird es für die Vereine auf Dauer schwer, an neue Mitglieder heran zu kommen.

Der Sport setzt da ja oft auf die Sogwirkung von Großveranstaltungen. Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang den Grand Départ der Tour de France 2017 in Düsseldorf - und die Chance, dass sie dabei auch durch den Rhein-Kreis rollen wird?

Brügge Welche Effekte solche Einmal-Veranstaltungen haben, vermag ich nicht zu sagen. Die Frage ist ja immer, was bewirke ich damit langfristig. Aber diese Frage müssen die Kollegen in Düsseldorf beantworten. Wenn die Chance besteht, dass die Tour durch den Rhein-Kreis rollt, wäre das eine tolle Sache, die wir nach Kräften unterstützen würden. Aber wir werden dafür ganz bestimmt nicht den Kreis-Etat aufstocken.

Vor der Tour de France 2017 gibt es noch die Olympischen Spiele in diesem Sommer in Rio de Janeiro.

Brügge Es sieht ja so aus, als ob wir da mit einigen Sportlern vertreten sein werden. Dafür haben wir, gemeinsam mit der Sparkassenstiftung Sport und den Partnern für Sport und Bildung, ja auch einiges getan, um ihnen den Weg dorthin leichter zu machen. Ich denke, und wir sind gerade dabei, die Weichen dafür zu stellen, dass wir jetzt schon ein Perspektivteam 2020 und am besten auch schon für 2024 auf die Beine stellen sollten. In diesem Zusammenhang wird die duale Karriere immer wichtiger - wir müssen den Talenten Perspektiven bieten, dass sie nach Ende ihrer sportlichen Laufbahn nicht ins Bodenlose fallen. Auch daran arbeiten wir. Sie sehen - wir haben gute Strukturen, aber wir haben auch noch einiges zu tun.

FRANK KIRSCHSTEIN UND VOLKER KOCH FÜHRTEN DAS GESPRÄCH

Quelle: NGZ
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