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Lokalsport
Sporthallen: Integration statt "nur" Obdach

Lokalsport: Sporthallen: Integration statt "nur" Obdach
Betten statt Basketball: Die Sporthalle in Allerheiligen wird als Flüchtlingsunterkunft genutzt. FOTO: A. Woitschützke
Rhein-Kreis. Mindestens 300 Sporthallen sind in NRW nach wie vor mit Flüchtlingen belegt, 16 sind es im Rhein-Kreis Neuss. Der Landessportbund sieht nicht nur die Integrationsarbeit gefährdet, sondern den gesamten Sportbetrieb seiner Vereine. Von Volker Koch

Manchmal haben Finanzlöcher auch etwas Gutes. Wegen eines solchen übertrug die Stadt Düsseldorf 1997 die Vergabe der städtischen Sporthallen an den Stadtsportverband. "Das ist jetzt ein Glücksfall", sagt dessen Geschäftsführer Ulrich Wolter. So erklärt sich, warum in diesem Winter nur neun (von insgesamt 202) Düsseldorfer Hallen mit Flüchtlingen belegt und deshalb für den Sportbetrieb geschlossen waren.

Die Landeshauptstadt besitzt damit fast ein Alleinstellungsmerkmal innerhalb von Nordrhein-Westfalen. Insgesamt, sagt Christoph Niessen, sei die Lage "sehr heterogen". Städten wie Münster oder Herford, in denen nicht eine Sporthalle zweckentfremdet genutzt würde, stünden andere gegenüber, "in denen ein geregelter Sportbetrieb vor allem für die kleinen Vereine" kaum noch möglich sei.

"Runder Tisch" des LSB in Neuss: Der Kreissportbund war durch Thomas Lang (r.) und Ursula Baum (l.) vertreten. FOTO: L. Berns

Ein Thema, in dem sich der Vorstandsvorsitzende des Landessportbundes NRW (LSB) bestens auskennt. Schließlich beschäftigt den LSB und die ihm angeschlossenen 54 Kreis- und Stadtsportbünde seit vergangenem Sommer kein anderes so intensiv. "Tagesthema Nummer eins seit Monaten", sagt Henrik Beuning, Geschäftsführer des Sportbundes im Rheinisch-Bergischen Kreis. Dort sind 15 von 80 Hallen belegt, "im ländlichen Raum sind die kleinen Vereine überproportional davon betroffen." Sie sieht Beuning "über kurz oder lang in ihrer Existenz gefährdet." So weit geht Klaus Hoffmann (noch) nicht. Aber für den Vorsitzenden des Stadtsportbundes Köln steht fest: "Bei uns werden die Vereine bald komplett auf der Straße stehen." Dann nämlich, wenn statt der avisierten 350 Flüchtlinge pro Monat 350 pro Woche in der Domstadt aufgenommen werden müssten, in der zur Zeit 27 der 271 Hallen belegt sind. "Das sind zwar 'nur' zehn Prozent", sagt Hoffmann, "doch das sind jetzt schon zehn Prozent zu viel." Landesweit, sagt Christoph Niessen, sei zur Zeit eine Zahl von 294 belegten Sporthallen statistisch abgesichert, allerdings hätten bislang nur 41 der 54 Stadt- und Kreissportbünde ihre Zahlen an den LSB übermittelt. "Hochgerechnet kommen wir sicher an die 400 heran", jene Zahl, die der Städte- und Gemeindebund schon Ende 2015 publik machte. Für Niessen ist damit "eine gravierende Beeinträchtigung des Sportbetriebs" gegeben. Das um so mehr, als die Zahl der Hallen nicht die der betroffenen Vereine (und Sportler) widerspiegele: "Belegt werden ja immer die großen Hallen, und die werden meist von mehreren Vereinen genutzt." So spricht der Westdeutsche Tischtennisverband von 180 betroffenen Vereinen mit 800 Mannschaften, die teilweise den Spielbetrieb hätten einstellen müssen. Während Großvereine mit hauptamtlichen Kräften noch am ehesten Ausweichmöglichkeiten schaffen könnten, weiß Niessen, wären kleine und mittlere, die vom rein ehrenamtlichen Engagement leben, am härtesten betroffen.

Und da beginnt das Paradoxe an der Situation: "Den Vereinen, die gerne Angebote zur Integration von Flüchtlingen machen würden, stehen oft keine Hallen zur Verfügung," sagt Henrik Beuning. 30 solcher Angebote gibt es derzeit im Rhein-Kreis, weiß Kreissportbund-Vorsitzender Thomas Lang. Bei entsprechender Unterstützung könnte das Angebot durchaus ausgebaut werden. Der KSB hat deshalb kürzlich seinen Vorstand um eine kooptierte "Flüchtlingsbeauftragte" erweitert. Als stellvertretende Kaarster Bürgermeisterin, Vereinsvorsitzende des VfS Büttgen und Vorstand der "Flüchtlingshilfe Kaarst" kennt Ursula Baum die Problematik aus drei unterschiedlichen Blickwinkeln. Deshalb stellt sie unwidersprochen fest: "Kein Flüchtling wohnt gerne in einer Turnhalle."

Und das ist das zweite Paradoxon an der ganzen Geschichte: Warum überhaupt Sporthallen herangezogen werden, erschließt sich keinem der Sportfunktionäre. "Viele Verwaltungen halten das für die einfachste, dabei ist es die teuerste aller Lösungen", sagt Harald Dudzus, Vorsitzender des KSB Rhein-Erft. Bernd Seibert, Geschäftsführer des Stadtsportbundes Bonn, kann mit Zahlen aufwarten: 1815 Euro monatlich koste die ehemalige Bundeshauptstadt die Unterbringung eines Flüchtlings in einer Sporthalle, mehr als doppelt so viel wie die in einer Privatwohnung, gar drei mal so viel wie in einem Übergangswohnheim. Trotzdem sollten in Bonn die 25 größten Sporthallen mit Flüchtlingen belegt werden. Bis der SSB in Form einer außerordentlichen Mitgliederversammlung auf die Barrikaden ging. "Jetzt ist das erst mal vom Tisch", sagt Seibert, "aber ich fürchte nur vorerst." Auch Thomas Lang führt die von 23 auf 16 gesunkene Zahl der belegten Hallen im Rhein-Kreis auf den "Brandbrief" zurück, den der KSB und die ihm angeschlossenen Stadt- und Gemeindesportverbände Ende 2015 an 270 Adressaten verschickten.

"Wir müssen den Druck auf die Entscheidungsträger erhöhen, von der kommunalen Ebene bis zum Bund", fordert deshalb Siggi Blum, Leiter des Kompetenzzentrums "Integration und Inklusion" beim LSB. Die 500.000 Euro, die der LSB den Vereinen für die Arbeit mit Flüchtlingen zur Verfügung stelle und die 20 hauptamtlichen Stellen, die ab 1. Juni bei den Sportbünden für diese Aufgabe eingerichtet würden, zeige deutlich, dass es dem Sport ernst sei mit dem Thema Integration. Leider meist nur dem Sport: ""Wir brauchen ein Gesamtkonzept, das alle gesellschaftlichen Gruppen in Anspruch nimmt", zitierte Bernd Seibert aus dem Bonner Positionspapier. Ein Satz, den sich alle seine Kollegen ins Notizbuch schrieben.

Quelle: NGZ
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