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Lokalsport
Tschechischer Sieg im Büttgener Regen

Lokalsport: Tschechischer Sieg im Büttgener Regen
FOTO: Woitschützke Andreas
Büttgen. Nicolas Pietrula überrascht Konkurrenten und Experten beim Straßenrennen des VfR Büttgen. Mehr als die Hälfte der Fahrer gibt auf. Von Volker Koch

Als vor 54 Jahren, am 1. Mai 1963, das Büttgener Straßenrennen seine Premiere feierte, war Franz-Josef Kallen schon dabei. Der heute 67-Jährige hatte gerade seine Ausbildung bei der Sparkasse begonnen. Sein Chef hieß damals Peter Kirchhartz - und der hatte natürlich alle Mitarbeiter "überredet", als Helfer beim Radrennen mitzumachen. Kallen war Streckenposten, "und weil ich immer in eine Richtung schauen musste, hatte ich am nächsten TagSonnenbrand in einer Gesichtshälfte ," erinnert sich der Vorsitzende des VfR Büttgen.

Diese Gefahr bestand bei der 55. Auflage am Montag nicht. Im Gegenteil: "Ich kann mich kaum erinnern, dass wir mal so schlechtes Wetter hatten", sagte Kallen, der nicht der einzige war, der nach ein paar Stunden im Start- und Zielbereich an der Pampusstraße über kalte Füße klagte.

FOTO: Woitschützke Andreas

Die Fahrer hatten es da vergleichsweise gut, blieben sie doch wenigstens anderthalb Stunden in Bewegung. Ansonsten setzten ihnen Dauerregen und Temperaturen um die zehn Grad gehörig zu: Von 55 gestarteten erreichten gerade mal zwanzig nach 72 Kilometern das Ziel. Das befürchtete Sturz-Festival in den vier neuralgischen Eckpunkten jeder der insgesamt 80 Runden blieb zwar aus - "der Rundkurs war besser zu befahren als gedacht", berichtete Nils Schomber, der einen Tag nach seinem Sieg beim "Spurt in den Mai" Rang zehn belegte. Doch frustriert oder entkräftet gab mehr als die Hälfte vorzeitig auf.

Am besten mit den widrigen Bedingungen zurecht kam ein Mann, den keiner auf seiner Rechnung hatte, weder von den Konkurrenten noch von den Experten am Mikrofon. Wie denn auch, waren Nicolas Pietrula und Jan Kraus doch kurzfristig für ihre ursprünglich gemeldeten Landsleute Jiri Hochmann und Martin Blaha eingesprungen. Beim Bahnrennen am Vorabend rissen die beiden Tschechen keine Bäume aus, landeten mit zwei Runden Rückstand auf die siegreichen Nils Schomber und Henning Bommel nur auf Rang acht.

FOTO: Woitschützke Andreas

Dafür zeigte Nicolas Pietrula auf der Pampusstraße sein Kämpferherz. Fast immer, wenn das von Runde zu Runde kleiner werdende Feld vorbeikam, war der 21-Jährige im schwarzen Renndress von Dukla Prag in der Spitzengruppe zu finden. Und als 18 Runden vor Schluss die Post abging und sich vier Fahrer absetzten, war der Prager dabei. Mit ihm wagten Justin Wolf (Team Dauner), Simon Happel (RV Blitz Spich) und Luke Derksen (RSV Unna) den entscheidenden Vorstoß.

Derksen, in dieser noch jungen Saison bereits Sieger bei "Rund in Bünde" und Fünfter beim Herforder Frühjahrspreis, fuhr sogar eine Zeitlang alleine vorneweg. Eine gewagte Taktik bei diesen Bedingungen - und eine, der der 20-Jährige bald selbst zum Opfer fiel. Zehn Runden vor Schluss fiel er aus der Führungsgruppe heraus, nach zwei weiteren hatte ihn die sechsköpfige Verfolgerschar, unter ihnen die Lokalmatadoren Nils Schomber und Sven Thurau, geschluckt und am Ende bis auf Rang neun durchgereicht.

Der Regen konnte weder den Elitefahrern (oben links) noch den jüngsten Teilnehmern (unten rechts) etwas anhaben. Nicolas Pietrulla gewann bei den einen im Spurt vor Justin Wolf (oben und rechts), Kilian Schmitz (links mit Moderator Christian Stoll) bei den anderen und trat damit in die Fußstapfen seines Rennfahrer-Vaters Florian. FOTO: A. Woitschützke

Das Trio an der Spitze war nicht mehr einzuholen. "Es wollte ja keiner das Loch zufahren, und es alleine zu versuchen, wäre bei diesem Wetter Wahnsinn gewesen", erklärte Schomber die gewisse Passivität des Verfolgerfeldes. Gemeinsam gingen Pietrula, der zu diesem Zeitpunkt schon als aktivster Fahrer im Feld und damit als Gewinner des Horst-Gangfuß-Gedächtnispokals feststehende Justin Wolf und Simon Happel in die Schlussrunde. Gemeinsam kamen Wolf und Pietrula auch aus der Zielkurve, doch im Spurt brachte der Mann aus Prag ein paar Zentimeter zwischen sich und den mit 198 Zentimetern längsten im Feld. Und sorgte damit für den vierten tschechischen Erfolg in Büttgen nach Michael Klasa (1976), Frantisek Kloucek (1984) und Frantisek Vako (1988). "Hart, aber ein gutes Rennen", gab der 21-Jährige nach dem ersten Sieg seiner Elitekarriere zu Protokoll. Den Spurt der Verfolger entschied der auch mal fürs Team Sportforum aktive Marcel Peschges (RC Olympia Bünde) vor Christian Noll (RSC Betzdorf) und Sven Thurau (Cycle vor Life) für sich, Pietrulas Landsmann Jan Kraus wurde Achter.

Und teilte mit allen die Erleichterung, diesen Tag überstanden zu haben, "der uns hoffentlich genug Regen für die nächsten zehn Jahre beschert hat", wie ein trotzdem zufrieden dreinblickender Gesamtleiter Friedhelm Kirchhartz bilanzierte. Auch Franz-Josef Kallen hatte die kalten Füße zwischenzeitlich mit einer Erbsensuppe vom Paulmobil aufgetaut und blickte zuversichtlich nach vorn: "Am 2. Juli wird das Wetter besser." Dann rollt nämlich die Tour de France durchs Dorf.

Quelle: NGZ
 
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