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Sportgeschichten (83)
Waldi Dilbens feiert seinen "80." auf Mallorca

Sportgeschichten (83): Waldi Dilbens feiert seinen "80." auf Mallorca
Immer in Bewegung: Waldi Dilbens 1954 vor dem Start zum "Großen Osterpreis" in Neuss mit Horst Stiefeling (l.)... FOTO: Carl Virneburg
Neuss. In mehr als einem halben Jahrhundert im Radrennsattel hat der Weckhovener bei seinen Einsätzen auf vier Kontinenten 117 Siege eingefahren. Von Dirk Sitterle

Wer sich mit Waldi Dilbens verabredet, sollte Zeit mitbringen. Viel Zeit. Denn Waldi Dilbens hat was zu sagen, kommt dabei, stellt er mit einem entwaffnenden Schuss Selbstironie schmunzelnd fest, allerdings allzu leicht "vom Hölzchen aufs Stöckchen ..." Egal, wer auch noch mit 80 Jahren neugierig und vital durch den Alltag geht, dem sei der gelegentliche und in diesem Fall durchaus sympathische Hang zur Redseligkeit locker verziehen.

Also lässt man Waldi Dilbens am besten erzählen. Gerne von seinem Leben für und mit dem Radsport, der ihn seit den ersten Schritten 1951 beim damals neugegründeten RSV Düsseldorf-Rath bis heute begleitet. Dabei startete er erst mit Mitte 30 voll durch. Bis dahin machte er sich seit 1959 als Autodidakt vor allem mit der Ausrichtung von Radrennen einen Namen. Sein größter Coup: Er etablierte den auch heute noch prestigeträchtigen Klassiker "Rund um die Königsallee" im Radsportkalender. Parallel dazu versuchte er, seine sportliche Karriere in Gang zu bringen. "Ich war ein Talent, bin aber nie gefördert worden", erinnert er sich. Mit 20 ging er für drei Monate nach Belgien, fuhr von Rennen zu Rennen - jeden Tag außer freitags. Doch das Leben aus dem Koffer war nichts für ihn, deshalb entschied er ohne Reue: "Der Radsport sollte für mich ein schönes Hobby bleiben."

...sowie als Kameramann und Regisseur von inzwischen acht Filmen. FOTO: Woitschützke Andreas

Also kehrte er an den Rhein zurück und heiratete 1957 seine Jugendliebe Elfie, mit der er drei Söhne und eine Tochter zu glücklichen Menschen erzog. Der Fliesen-, Platten- und Mosaikleger ist stolz darauf, dass er das 1970 bezogene Einfamilienhäuschen in Weckhoven in Eigenregie erbaut hat. "Ich habe hier jeden Stein dreimal angepackt. Obwohl mich mein Chef drei Monate freigestellt hat, weiß ich heute nicht mehr, wie ich das geschafft habe." Aus dem Rennsattel stieg er trotzdem nie. In einem halben Jahrhundert sind auf diese Weise mehr als 750.000 Kilometer zusammengekommen, bei seinen Einsätzen auf vier Kontinenten feierte er in 28 Ländern insgesamt 117 Siege.

Im Gedächtnis geblieben sind indes nicht die Erfolge ("Ich habe inzwischen bestimmt schon eine halbe Tonne an Pokalen weggeschmissen."), sondern die Begegnungen mit den Menschen. Mallorca, wo er nun auch seinen Geburtstag verbringt, ist so über die Jahre nicht nur als Austragungsort äußerst stimmungsvoller Rundfahrten zu seiner absoluten Lieblingsinsel geworden. Ab 1977 tourte er fünfmal durch Südafrika, verpasste bei der Senioren-WM in San Diego nur knapp den Sprung aufs Siegerpodest. Von 1992 bis 1998 nahm er an der ambitionierten Mexiko-Rundfahrt teil, entging 1995 in der Hafenstadt Manzanillo nur mit sehr viel Glück einem Erdbeben, bei dem ein Hoteleinsturz fast 50 Menschenleben forderte. Erst 2000 beendete er seine lange Karriere mit einer "Wallfahrt" in die Heilige Stadt - Rom.

1976 holte ihn der unvergessene Willi Franssen ( 1990 in Neuss) zum Neusser Radfahrerverein 1888/09, und natürlich war er entscheidend daran beteiligt, als unter der Führung des legendären Friedhelm Hamacher ( 2008 in Neuss) 2002 die "Tour de Neuss" ihr Debüt feierte. Denn Waldi Dilbens, der sein Wissen als Trainer immer gerne an den Nachwuchs weitergab, liebt den Radsport - umso mehr treffen ihn die damit verbundenen Doping-Skandale. Sein Tipp: "Jeder, der wissen will, was wirklich passiert, sollte das Buch 'Die Radsport-Mafia und ihre schmutzigen Geschäfte' lesen, in dem Tyler Hamilton, jahrelang zweiter Mann hinter Lance Armstrong, eindrucksvoll erklärt, wie ehrliche und charakterstarke Jungs zum Doping kommen." Er und seine Söhne haben allen Verführungen stets widerstanden: "Ich bin stattdessen vor Rennen nachts um 3 Uhr aufgestanden und habe einen Teller Nudeln von meiner Mutter mit drei Eiern verdrückt. Ich war immer ein Gegenschwimmer, einer, der ohne Tricks arbeitet."

Aus diesem Grund sieht er die bei seinen Einsätzen entstandenen Filme als eine Art Vermächtnis an seine Enkel. "Vier sind fertig, geschnitten und vertont, weitere vier warten aber noch." Doch der passionierte Amateurfilmer hat ein großes Problem: "Mir läuft die Zeit weg."

Darum dürfte auch das schon vor zehn Jahren ins Auge gefasste Buchprojekt nur schwerlich zu verwirklichen sein. Schade eigentlich, alleine die Geschichte, als sich der knochenharte Amateurfahrer kurz nach einem Schlüsselbeinbruch mit einer Gipsschiene einhändig aufs Rad setzte, um acht Wochen später wieder Rennen zu fahren, hätte ein eigenes Kapitel verdient. "Ganz schön bekloppt", findet er diese Aktion freilich heute. Gott sei Dank kann Waldi Dilbens, den Willi Franssen nur "dä Schmal" nannte, "weil ich damals 56 Kilo wog", intensiv erzählen, auch wenn er dabei gerne vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt ...

Quelle: NGZ
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