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TSV Bayer Dormagen
Weshalb es morgen eine "Abstiegsparty" gibt

TSV Bayer Dormagen: Weshalb es morgen eine "Abstiegsparty" gibt
Abschied aus der Zweiten Liga - der monatelange Ausfall von Dormagens Kapitän Dennis Marquardt hat wohl entscheidend dazu beigetragen. FOTO: Heinz Zaunbrecher
Dormagen. Die Gründe, warum die Handballer des TSV Bayer Dormagen nach zwei Jahren wieder die Zweite Liga verlassen, sind vielschichtig. Von Volker Koch

Zu seiner "Abstiegsparty" hat sich Bayer Dormagen morgen Abend (19 Uhr, TSV-Sportcenter) illustre Gäste eingeladen: Die TSG Friesenheim spielte vor einem Jahr noch in der Ersten Liga und hat - wenn auch nur rein rechnerisch - am letzten Spieltag immer noch die Chance auf die direkte Rückkehr in die Erstklassigkeit.

Für die Gastgeber führt der Fahrstuhl dagegen eine Etage tiefer. Zum dritten Mal seit 1983, als erstmals der Sprung in die Zweite Liga gelang, steigen die Dormagener Handballer in die Dritte Liga ab. Auf den Unterschied zu 2002 und 2012 legt Handball-Geschäftsführer Björn Barthel großen Wert: "Wir sind nicht wie in der Vergangenheit aus wirtschaftlichen, sondern aus sportlichen Gründen abgestiegen." Wobei die "sportlichen Gründe" auch wirtschaftliche Ursachen haben, weshalb Barthel anfügt: "Allerdings werden wir auch daran arbeiten, unseren Etat auf das nötige Zweitliga-Niveau zu bringen." Das sind die Gründe für die Talfahrt:

Weil die Liga stärker war als eine Saison zuvor So viel besser als jetzt war der TSV Bayer in der Aufstiegssaison 2014/15 auch nicht. Da reichten ihm 25 Pluspunkte zum Klassenerhalt, jetzt könnten es bei einem Sieg morgen Abend 23 werden. Vor einem Jahr waren am Tabellenende Baunatal, Hildesheim und Hüttenberg schon früh abgeschlagen - jetzt tobt der Kampf gegen den Abstieg bis zum letzten Spieltag, weil vor allem die Neulinge (Wilhelmshaven, Ferndorf, Hagen) stärker waren als in den Jahren zuvor. Wie stark die Liga ist, mussten auch Klubs wie Rimpar oder Bietigheim erkennen, die sich unversehens im Abstiegskampf wiederfanden.

Weil das zweite Jahr immer das schwerste ist Eine sportliche Binsenweisheit, fürwahr. Doch eine mit statistisch belegbarem und psychologisch erklärbarem Hintergrund. Denn im zweiten Jahr nimmt einen kein Gegner mehr auf die leichte Schulter. Und die Spieler reiten nicht mehr auf der Euphoriewelle, die sie nach einem Aufstieg trägt. Im Gegenteil: Wer in der Saison zuvor nur 13 von 38 Spielen gewonnen hat, strotzt nicht gerade vor Selbstvertrauen. Saisonübergreifend sind es aktuell gerade mal 22 von 77 Partien - da tut ein "Neuanfang" eine Liga tiefer vielleicht sogar ganz gut.

Weil das Vertrauen in die Lernfähigkeit der Spieler zu groß war Sportliche Leitung und Trainer haben im Sommer zu sehr darauf vertraut, dass die Spieler aus ihrer ersten Zweitliga-Saison und den dort gemachten Fehlern gelernt hätten, doch dafür war der größte Teil des Aufgebots offenbar zu jung. Daraus resultiert Grund Nummer vier:

Weil die (zu) wenigen Verstärkungen nicht einschlugen Im Vertrauen auf den Lerneffekt und in Ermangelung eines wirklich zweitliga-tauglichen Etats legte sich Bayer Zurückhaltung auf dem Transfermarkt auf. In Sachen Personalpolitik fehlt allerdings schon länger das richtige Händchen (oder Näschen): Angefangen bei Andreas Simon über Marijan Basic und Nejc Poklar bis zu Mikk Pinnonen - ein Treffer war bei den Neu- und Nachverpflichtungen nicht dabei. Und auch die in der Winterpause geholten Alexander Feld und Sergio Muggli waren zwar besser, aber doch nicht gut genug.

Weil es zu viele Verletzte gab Mit dieser Liste, vom besten Torschützen der Vorsaison Max Bettin bis zum wohl schmerzlichsten Ausfall, dem von Dennis Marquardt als Kapitän und Kopf der Mannschaft, der seit Oktober kein Spiel mehr bestritten hat, wären auch Vereine mit einem tiefer besetzten Kader ins Trudeln geraten. In "Bestbesetzung" hat der TSV kein einziges Spiel, ja seit August nicht einmal eine Trainingseinheit bestreiten können.

Weil der Trainerwechsel zu spät erfolgte All diese Gründe bauten einen enormen Druck auf - einen Druck, dem Trainer Jörg Bohrmann irgendwann nicht mehr gewachsen war. Die einstige hessische Frohnatur verkrampfte zusehens, traf falsche Entscheidungen, die den Druck noch erhöhten, gab den Druck an die jungen Spieler weiter, die damit nicht umzugehen verstanden, selbst verkrampften und den Spaß verloren, was weiter Druck aufbaute. Ein Teufelskreis, der nur mit einem Trainerwechsel durchbrochen werden konnte. Der kam vielleicht ein paar (entscheidende) Spiele zu spät - doch hinterher ist man immer schlauer.

Weil die Mannschaft ein Kopfproblem hat Hätten die Dormagener die richtigen Leistungen im richtigen Moment gegen die richtigen (nämlich wichtigen) Gegner abgerufen, sie könnten morgen tatsächlich feiern. Doch der TSV Bayer besitzt die unglaubliche Fähigkeit, sich stets dem Niveau des Gegners anzupassen: Gegen die direkten Konkurrenten spielt er schwach - und verliert deshalb. Gegen die Spitzenteams spielt er stark - und verliert trotzdem. Zusammen addiert kann das nur den Abstieg ergeben. Neu-Trainer Alexander Koke weiß um dieses "Kopfproblem", das auch mit mangelnden Führungsqualitäten und einer daraus resultierenden zu flachen Hierarchie innerhalb der Mannschaft zu tun hat. Ob er es lösen kann, wird die alles entscheidende Frage der kommenden Spielzeit - in Liga drei.

Quelle: NGZ
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