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Jessica Lichtenberg
"Wir zahlen bei unserem Sport immer noch drauf"

Neuss. Die Voltigier-Trainerin des Weltmeisters RSV Grimlinghausen spricht über die EM-Vorbereitung und die steigende Popularität ihrer Sportart. Von Daniel Kaiser

Neuss Im fünften Jahr in Folge vertreten die Voltigierer des RSV Neuss-Grimlinghausen Deutschland bei einem Championat. Die NGZ sprach mit Meister-Trainerin Jessica Lichtenberg über die anstehende Europameisterschaft in Aachen.

Frau Lichtenberg, wie sahen die Wochen nach dem Sieg in Verden aus?

Jessica lichtenberg Nach der EM-Qualifikation hatten alle Voltigierer der Mannschaft die Chance, etwas herunterzufahren und ein wenig aktive Erholung im Urlaub zu betreiben. Natürlich war jeder angehalten, ein bisschen laufen zu gehen und nicht nur am Strand herumzuliegen. Aber es gab deutlich geringere Trainingsumfänge. Sie sollten mal einen Tapetenwechsel bekommen, die Seele baumeln lassen.

Wie ging und geht es weiterer?

Lichtenberg Im Anschluss ging es in die Analyse vom CVIO. Beim Vorbereitungslehrgang in Warendorf gab es dann die emotionale Einstimmung auf die EM. Wir sind gemeinsam mit Ulla und Kai (Bundestrainerteam Ulla Ramge und Kai Vorberg, Anm. d. Redaktion) Inhalte durchgegangen, haben verschiedene Punkte abgestimmt. In den nächsten beiden Wochen geht es nun noch mal an die Belastungsgrenzen, sowohl physisch als auch mental. Das mentale Training wird eine zentrale Rolle spielen, alle müssen in den Wettkampfmodus kommen. Dazwischen soll es eine Exkursion zum Kickboxen geben.

Wie kommt es dazu?

Lichtenberg Mir geht es dabei um Schnelligkeit und mentale Stärke. Im Voltigieren hast du ja nie einen direkten Kontrahenten im Wettkampf. Nun sollen sie mal einen Gegner vor die Nase bekommen. Das ist eine tolle und andere Herausforderung, auch für die mentale Stärke.

Wird es wieder eine öffentliche Generalprobe geben?

Lichtenberg Selbstverständlich. Unsere berühmt-berüchtigte, öffentliche Generalprobe auf dem Nixhof findet am morgigen Sonntag um 14 Uhr statt. Dabei sind dann auch die Medaillenhoffnungen aus Köln (Einzelvoltigiererin Corinna Knauf sowie die Pas-de-Deux Pia Engelberty/Torben Jacobs und Gera Marie Grün/Justin Van Gerven) und die Teams aus Australien und Südafrika, die sich auf die Junioren-WM Anfang August im niederländischen Ermelo vorbereiten. Auch die westfälischen Einzelvoltigierer Jannis Drewell und Christine Kuhirt sind am Start. Bis auf drei Ausnahmen ist der gesamte deutsche Bundeskader am Start.

Was geht in Ihnen vor, wenn sie an das Championat in Aachen denken - vor allem an das Deutsche-Bank-Stadion, in dem die Voltigierer bei dieser EM wieder auflaufen dürfen?

Lichtenberg Für mich schließt sich in Aachen ein Kreis. 2006 hatte ich hier im Rahmen der Weltreiterspiele mein erstes Championat als Trainerin. Das war eine atemberaubende Kulisse. Jeder, der damals dabei war, wollte in diesem Jahr unbedingt zurück. Dazu gehören Janika Derks, Elisabeth Simon und Pauline Riedl. Und alle, die das noch nicht kennen, wollen ebenfalls in dieses Stadion einlaufen.

Die Voltigier-Wettbewerbe sollen nach aktuellen Angaben des Veranstalters extrem gut besucht sein. Ist das zusätzliche Motivation?

Lichtenberg Definitiv. Denn es geht ja auch um die Werbung für den Sport. Wir haben in den vergangenen Jahren auf großen Shows, unter anderem in Katar, viel erlebt. Aber solche Wettkämpfe wie die EM sind ja am Ende der Grund, weshalb man den Sport so intensiv betreibt. Solche Erlebnisse vergisst man nicht.

Seit Verden dürfen Sie sich als erste "Voltigier-Millionäre" bezeichnen. Ihr Kür-Video bei ClipMyHorse.tv wurde mittlerweile 2,3 Millionen Mal angesehen. "Wunderhengst" Totilas schafft es im Netz auf lediglich 1,1 Millionen Klicks. Wie können Sie sich diesen Erfolg erklären?

Lichtenberg Es ist ein Phänomen. Weshalb das Video so abgegangen ist, können wir uns nicht wirklich erklären. Ganz ehrlich, ich denke, dass es auch viel mit dem Foto zu tun hat, dass man zunächst als Standbild sieht. Diese Menschen in weißen Anzügen. Das ist schon sehr skurril. Da fragt man sich: "Was zur Hölle soll das sein." Und beim Ansehen stößt der Viewer dann auf eine völlig neue Sportart mit Mensch und Pferd und bleibt fasziniert kleben. Besonders beeindruckend scheint die Leichtigkeit, mit der Pferd und Sportler diese Kür präsentieren. Das kann man einigen Kommentaren deutlich entnehmen.

Die normalen Reiter haben im Netz bei weitem nicht solchen Erfolg.

Lichtenberg Ja, die Voltigierer sind für mich die heimlichen Online-Stars des Pferdesports. Wir schaffen es anscheinend, eine große Masse anzusprechen. Als ich neulich beim Stöbern entdeckt habe, dass die meisten Facebook-Posts des FC Bayern München weniger Likes haben als unser Video, habe ich schon schmunzeln müssen. Da gab es in den letzten Wochen eine große Sogwirkung. Das Standing des Voltigierens innerhalb der Reitsportdisziplinen hat sich extrem verbessert. Nun scheinen wir auch außerhalb anzukommen, bauen uns ein gutes Image auf. Das ist großartig.

2,3 Millionen - das dürfte für jedes Unternehmen in puncto PR extrem attraktiv sein. Gibt es schon fette Werbedeals für den Weltmarktführer im Mannschaftsvoltigieren?

Lichtenberg (lacht) Leider nein. Mit Voltigieren lässt sich noch immer kein Geld verdienen. Wir machen alle einen normalen Job, eine Ausbildung oder ein Studium. Wir müssen uns um die meisten Dinge selbst kümmern. Auch die Homepage und die Beiträge auf den sozialen Netzwerken laufen in Selbstverwaltung. Wir leisten uns den Sport nebenbei und zahlen drauf. Aber ich denke auch, dass wir für Sponsoren eine Menge zu bieten haben, schon allein, weil wir das junge Publikum anziehen, das Unternehmen als nächste Kundengeneration gewinnen möchten. Da ist großes Potenzial. Es braucht halt einen Mutigen, der das mit uns umsetzen möchte.

Welche Unterstützung hat sie dort hingebracht, wo sie jetzt stehen?

Lichtenberg Da gibt es viele Partner. Zum Beispiel die Partner für Sport und Bildung, die uns unser Pferd Delia FRH finanziert haben. Aber auch die Stiftung Sport und unser eigener Verein zur Förderung des Leistungssports sind langjährige Begleiter und helfen uns, so professionell wie möglich arbeiten zu können. Außerdem haben wir mit Marstall ein Futtersponsoring für unsere beiden Top-Pferde, was wiederum den Verein finanziell entlastet. In diesem Punkt sind wir im Vergleich zu vielen Vereinen in einer tollen, fast schon luxuriösen Situation. Dennoch tragen wir die meisten Kosten einer Saison selbst.

Stichwort Delia. Ihr Pferd hat erst kürzlich das Ehrenkürzel FRH vom Hannoveraner Verband erhalten. Diesen Titel tragen normalerweise nur die Vierbeiner von Elite-Reitern wie Isabell Werth oder Ludger Beerbaum. Welchen Stellenwert hat das für Sie?

Lichtenberg Das ist eine große Ehre. Vor allem, weil Delia das erste Voltigierpferd ist, das diesen Titel erhalten hat. In meinen Augen macht der Sport damit einen enormen Sprung, wird vergleichbarer mit Dressur und Springen.

Quelle: NGZ
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