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Jürgen Steinmetz im Interview
Studium und Berufsausbildung auf Augenhöhe

Herr Steinmetz, die IHK will mit ihrer "Agenda 2025" die berufliche Ausbildung retten. Wie reagiert die Politik?

Steinmetz Sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene gibt es von der Politik Signale, das System der dualen Ausbildung zu stärken. Die IHK macht sich in Gesprächen auf allen Ebenen - in den Kommunen, auf Landesebenen und mit einzelnen Bundestagsabgeordneten - für das Erfolgsmodell duale Ausbildung stark. Die Reaktionen sind durchweg positiv. Offenbar haben viele Verantwortliche inzwischen erkannt, dass es vor allem der dualen Berufsausbildung zu verdanken ist, dass die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland im Vergleich zu den meisten anderen europäischen Staaten sehr niedrig ist.

Welche Erfahrungen machen Unternehmen mit Studienabbrechern?

Steinmetz Viele junge Menschen, die feststellen mussten, dass eine akademische Laufbahn für sie nicht die richtige Wahl war, haben anschließend erfolgreich eine Ausbildung begonnen. Die IHK wird ab dem Frühjahr gemeinsam mit der Hochschule Niederrhein mit einem speziellen Angebot auf Studienabbrecher zugehen. Dabei wird es darum gehen, diese jungen Leute zielgenau in eine passende Ausbildung zu vermitteln.

Wie steht es um die Bereitschaft der Firmen, mit Bewerbern zu arbeiten, die im Studium gescheitert sind?

Steinmetz Bei den Unternehmen am Niederrhein ist die Bereitschaft groß, Studienabbrechern Perspektiven zu bieten. Es gibt keinerlei Vorbehalte gegenüber Ex-Studenten. Dafür gibt es auch keinen Grund. Allerdings ist bei den Studenten die Bereitschaft, aktiv eine Berufsausbildung anzugehen, weniger ausgeprägt. Offenbar wird die Entscheidung gegen das Studium und für eine Berufsausbildung als Schande gesehen - eine Einschätzung, die ich für antiquiert und völlig falsch halte.

In der IHK-Agenda 2025 ist auch die Rede von "neuen Akzenten" in der Inklusion. Wie engagiert sich die Wirtschaft konkret, um Menschen mit Behinderung in die Arbeitswelt zu integrieren?

Steinmetz Die IHK Mittlerer Niederrhein beschäftigt seit fünf Jahren einen Integrationsberater. Er vermittelt sehr erfolgreich Menschen mit Behinderungen in Unternehmen. Außerdem haben wir regionale Berufsbilder für Menschen mit Behinderungen auf den Weg gebracht. Damit wird Menschen mit Handicap der Einstieg in den Beruf erleichtert.

Auch Zuwanderung wird von der IHK als Chance betrachtet. Sind die Unternehmen darauf vorbereitet?

Steinmetz Von unseren Mitgliedsunternehmen haben wir die Rückmeldung erhalten, dass sie sich Unterstützung in Form von berufsbezogenen Sprach- und Berufsvorbereitungskursen sowie durch einen zentralen Ansprechpartner wünschen.

Kann die Kammer diese Hilfestellung geben?

Steinmetz Die Industrie- und Handelskammer hat kürzlich ein entsprechendes Maßnahmenpaket geschnürt, um Flüchtlinge besser in die Betriebe am Niederrhein zu vermitteln. Ein spezieller Lotse der IHK soll anerkannte Asylbewerber über ihre Berufs- und Ausbildungsmöglichkeiten informieren und sie an geeignete Betriebe vermitteln. Er wird der zentrale Ansprechpartner bei der IHK für unsere Unternehmen sein und ihnen bei der Integration eines Flüchtlings zur Seite stehen. Der Lotse wird gemeinsam mit den Arbeitsagenturen, Jobcentern und den Anbietern von Integrationskursen ein Netzwerk aufbauen, um möglichst vielen Flüchtlingen den Einstieg in das Arbeitsleben zu ermöglichen. Zudem werden wir das Neusser Netzwerk unterstützen.

FRANK KIRSCHSTEIN STELLTE DIE FRAGEN.

Quelle: NGZ
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