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Niedergermanischer Limes am Rhein
Vom Traum blieb nur ein Turm

Niedergermanischer Limes am Rhein. Von Simon Hopf Die alten Römer sind nicht mehr - aber sie haben Denkmäler und Spuren hinterlassen. Der obergermanisch-rätische Limes, ein Abschnitt der Grenzbefestigungen des Imperium Romanum, prägt noch heute weite Landstriche im Süden und Südwesten Deutschlands und wurde zum Weltkulturerbe erklärt. Der Rhein bildete hingegen in seinem Unterlauf den niedergermanischen Limes, der nun verstärkt erforscht werden soll.

Da steht er. Von Bäumen und Buschwerk umrankt am Rand der Straße Am Reckberg zwischen Uedesheim und Grimlinghausen erhebt er sich plötzlich aus dem Dickicht: der Nachbau eines römischen Wachturms. Tür und Fensterläden sind verschlossen. So dämmert das durch eine Bürgerinitiative anlässlich der 2000-Jahr-Feier von Neuss angeregte und mit Landesmitteln realisierte Denkmal langsam dem Vergessen entgegen.

Der Turm ist ein stummer Zeuge für mehr als 400 Jahre römische Herrschaft am Rhein, der in antiker Zeit in seinem unteren Verlauf zugleich die Außengrenze des Imperium Romanum bildete. Die Franken fallen ein Ein Blick zurück: Kriegsgeschrei liegt in der Luft. Die barbarischen Horden verbreiten unter der hiesigen Bevölkerung Angst und Schrecken. Im Jahr 388 wüten die Franken, angeführt von ihren Herzögen Genobaud, Marcomer und Sunno, in der römischen Provinz Germanien.

"Nachdem sie den Limes durchbrochen hatten, töteten sie viele Menschen, verheerten die fruchtbarsten Gebiete und verbreiteten auch in Köln Furcht", wird der Geschichtsschreiber Gregor von Tours später einmal notieren. Und dabei auch das Kastell Novaesium erwähnen, von wo der römische Feldherr Quintius über den Rhein den Franken nachsetzte. Mehr als 1600 Jahre später macht der Limes erneut Schlagzeilen.

Das Rheinische Amt für Bodendenkmalpflege will die Rheingrenze des Römischen Reiches im Bereich Nordrhein-Westfalen wissenschaftlich untersuchen. Geplant ist eine Bestandsaufnahme. Und damit rücken auch Neuss, der Reckberg, Dormagen (Durnomagus) oder Haus Bürgel bei Zons verstärkt ins Blickfeld. "Bei dieser Erhebung werden neben römerzeitlichen Stadtgründungen auch die verbliebenen Straßen und infrastrukturelle Einrichtungen wie Ziegeleien, Steinbrüche und Bergwerke mit einbezogen", erklärt Birgit Stroeter vom Landschaftsverband Rheinland das weitere Vorgehen.

Die Ergebnisse sollen nicht zuletzt in ein touristisches Gesamtkonzept der Limes-Anrainer am Rhein einfließen. In gewissem Sinne steht dieses Projekt wohl unter Zugzwang. Schließlich wurde ein anderer Teil des römischen Grenzbollwerks auf deutschem Boden erst kürzlich zum Weltkulturerbe erklärt.

Dieser so genannte obergermanisch-rätische Limes zieht sich über rund 550 Kilometer von Eining bei Regensburg bis Rheinbrohl. Bildeten dort Wälle, Mauern und Palisaden den eigentlichen Grenzwall, war es in Niedergermanien der Rhein selbst, der die römischen Provinzen vor Eindringlingen schützen sollte. Ein Archäologischer Park Entlang des Flusses entstanden zusätzlich viele Legionslager und Kastelle.

Der Turm auf dem Reckberg war ein Mosaikstein in diesem ausgetüftelten System von Stützpunkten, die sich am Niederrhein bis an die Mündung wie an einer Perlenschnur aufreihten. Die äußerliche Rekonstruktion des Turms ist fiktiv, folgt dabei jedoch Vorlagen vom obergermanisch-rätischen Limes. Dass es am Reckberg ein solches Gebäude gegeben hat, ist archäologisch nachgewiesen.

In etwa 200 Meter Entfernung lag zudem ein Kleinkastell, das im ausgehenden ersten Jahrhundert errichtet wurde. Eine kleine Ansiedlung (Villa) komplettierte das Bild, zu dem auch ein Gräberfeld gehört. Die maximal 50 Mann umfassende Besatzung des Lagers, das an der von Novaesium nach Durnomagus führenden Limesstraße angelegt worden war, könnte zum Schutz einer nahen Querung des Rheins eingesetzt worden sein.

Das historische Ensemble Turm, Villa und Lager weckte übrigens Anfang der 1980er Jahre Träume. Von einer am niedergermanischen Limes einmaligen "Fülle und Konzentration von Gegebenheiten" war die Rede. Die NGZ titelte am 13. Dezember 1983: "Reckberg-Kastell soll neu entstehen." Ein Archäologischer Park Xanten im Kleinformat. Sogar Kostenvoranschläge (rund 500 000 Mark für den Rohbau des Kastells) wurden publik gemacht. Für mehr als den Turm reichte es dann aber offenbar doch nicht.

Quelle: NGZ
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