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Achmed, das Fußball-Talent aus Syrien

Alpen: Achmed, das Fußball-Talent aus Syrien
Früher hat Achmed in Syrien auf den Straßen Aleppos gekickt. Nun trainiert er mit der A-Jugend des SV Menzelen und hängt sich richtig rein. Der Fußball ist auch eine gute Gelegenheit für den 18-jährigen Flüchtling, Kontakte zu anderen Jugendlichen zu knüpfen. FOTO: Richard Diesing
Alpen. Ein 18-jähriger Straßenfußballer aus Aleppo hat beim SV Menzelen eine neue sportliche Heimat gefunden. Von Richard Diesing

"Bist du noch frei Achmed?" fragt sein Mitspieler. Klar ist er das. Achmed ist der Neue in der Mannschaft. Kurz vor Trainingsbeginn bringt Caritas-Mitarbeiterin Astrid Kummer noch Achmeds Spielerpass vorbei. Als er zum ersten Mal mit der A-Jugend des SV Menzelen trainiert hat, kannte er keinen aus der Mannschaft. Doch beim Fußball lernt man seine Mitspieler schnell kennen. Ein Muss, damit die Mannschaft funktioniert. Schließlich kickt man jede Woche zusammen.

Achmed macht mit einem anderen Spieler eine Pass-Übung. Es geht darum, dem gegenüberstehenden Spieler den Ball zuzupassen, während der rückwärts läuft. Achmed kann das. Ihm verspringt kein einziger Ball. Ehrgeizig absolviert er auch die anderen Trainingseinheiten, auch wenn sie noch so einfach sind. Andere Fußballspieler würden solche Übungen wohl als notwendiges Übel ansehen und sich auf das spätere Torschuss-Training freuen. Nicht so Achmed. Schon beim Aufwärmen umspielt ein Grinsen seine Mundwinkel. Er sieht glücklich aus, im Verein trainieren zu können.

In seiner syrischen Heimatstadt Aleppo sah das ganz anders aus. Über Jahre hinweg hat er nur auf der Straße gespielt, wie viele syrische Jugendliche in seinem Alter. Fußball ist in Syrien lange nicht so populär wie in Deutschland. Das erzählt er im frisch renovierten Vereinshaus des SV Menzelen. Pokale stehen auf Regalen an den Wänden - in Gold und Silber. Vielleicht wird auch Achmed mal einen solchen Pokal in Händen halten.

Geflüchtet ist Achmed mit 17, nachdem seine Heimatstadt Aleppo zerstört worden war und das syrische Regime alle Jugendlichen über 15 Jahre ins Militär zwang. Achmed wollte nicht kämpfen. Er kommt aus einer wohlhabenden Familie. Sein Vater wurde von Bürgerkriegsparteien insgesamt vier Mal gekidnappt. Achmed hat dieses Schicksal ein Mal erlitten. Um den Vater freizubekommen, verkaufte die Familie alles, was sie hatte. Das Geld für die Flucht lieh er sich von seinem Onkel. Deutschland war sein Ziel - wenn man als Flüchtling überhaupt ein Ziel hat neben dem sehnlichen Wunsch nach Sicherheit vor Krieg und Verfolgung.

Heute lebt er mit seiner Frau und seinem Kind in einer Flüchtlingsunterkunft in Alpen. Auf dem Platz spielt im Sturm. "Er ist gut", sagt sein Trainer Lars Hermanns. Achmeds hat den Traum, Profi-Fußballer zu werden. In Syrien hat er versucht, sich diesen Traum in den Vereinigten arabischen Emiraten zu erfüllen. Er habe aber keine Chance gehabt, so sagt Achmed, "weil die Bedingungen zu schwierig waren." Sein Weg auf der Fußball-Karriereleiter könnte aber jetzt schon beim SV Menzelen zu Ende sein. Er ist mit 18 Jahren fast schon zu alt für die Talentsucher großer Fußball-Klubs. Bisher hat sich kein höherklassiger Verein bei ihm gemeldet. Sein Trainer ist guter Dinge: "Ich glaube, dass sich die Spieler untereinander gut riechen können." Um das zu unterstreichen, erzählt er eine Geschichte aus der abgelaufenen Saison. Vor einem Auswärtsspiel des SV Menzelen kickten Spieler ein bisschen mit dem Ball, auch Achmed machte mit. Dabei spielte er etwas arabische Musik. Er hatte sichtlich Spaß, seine Mitspieler auch.

"Der Junge kommt mit den anderen Spielern, die aus den umliegenden Dörfern kommen, zusammen", sagt sein Trainer. Er ist sich sicher: Achmed wird weitere Kontakte knüpfen. Die Kommunikation läuft allerdings bisher vor allem über Mimik und Gestik. "Das klappt", so Achmeds Trainer, "schon ganz gut." Achmed kann besser Deutsch als Englisch. "Man versucht schon, mit ihm zu reden, auf Deutsch oder Englisch."

Achmed hängt sich richtig rein beim Training, wird häufig angespielt. "Hätte man hier jemanden, der nicht so gut in der Mannschaft integriert wäre, würde der nicht so angespielt werden", sagt sein Trainer. Hilft der Fußball bei der Integration? "Auf jeden Fall", ist der Trainer sicher: "Wir sind eine Mannschaft, und da gehört man auch zusammen", sagt er. "Egal, welche Nationalität man hat. Wir leben schließlich im 21. Jahrhundert!"

Quelle: RP
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