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Alpener Arzt macht Kurzurlaub in Marxloh

Alpen: Alpener Arzt macht Kurzurlaub in Marxloh
FOTO: Fischer Armin
Alpen. Professor Klaus Pistor: Der Problem-Stadtteil ist freundlicher als sein Ruf. Hannelore Kraft verleiht dem Arzt Landesorden. Von Bernfried Paus

Marxloh gilt deutschlandweit als wohl bekanntestes Problemviertel, als d a s Synonym für eine No-Go-Area: Kriminelle Geschäfte auf offener Straße, selbst die Polizei traut sich kaum ins Viertel, wo Clans das Sagen haben und das Gesetz keine durchschlagende Kraft entfaltet. Genau in diesem Stadtteil im Duisburger Norden hat Professor Klaus Pistor (76) jetzt ein paar Tage Auszeit genommen. Der Mediziner ist inzwischen zurück im beschaulichen Alpen - mit einem ganzen Büdel "hochinteressanter Erfahrungen" und der höchst erstaunlichen Überzeugung: "Das wird nicht mein letzter Urlaub hier gewesen sein."

Sein ungewöhnliches Reiseziel ist kein Zufall. Pistor, ehemals Chefarzt der Kinderklinik im Bethanien-Hospital in Moers, hält einmal in der Woche einen ganzen Nachmittag lang Sprechstunde im sozial-pastoralen Zentrum "Petershof" in Marxloh, damit auch Kinder medizinisch versorgt werden, die mit ihren Familien außerhalb des Gesundheitssystems leben. "Mich hat es durch meine Tätigkeit im Petershof immer mehr interessiert, wie das alltägliche Leben der Menschen hier aussieht", sagte der 76-Jährige über sein Motivation, ein paar Tage abzuschalten "in einer völlig anderen Welt". Ein Selbstversuch "ohne weißen Kittel". Die Auszeit habe sich für ihn in vollem Umfang gelohnt, sagt Pistor.

Eingecheckt hat er im Hotel Montana, in dem er fast der einzige Gast gewesen sei. Die Monteure, die sonst hier ihr Quartier nehmen, waren über das lange Wochenende noch nicht wieder zurück. Er sei vom Hotelier sehr freundlich aufgenommen worden. "Er hat mir geduldig den wie eine Festung gesicherten Parkplatz erklärt und mir dann den Wlan-Anschluss eingerichtet", berichtet der Kurzzeittourist.

Überhaupt sei er auf seinen Sparziergängen "allerorten auf aufgeschlossene, hilfsbereite Menschen" gestoßen, erzählt Klaus Pistor von dem Viertel, "das nicht den allerbesten Ruf hat" und in dem er "anfangs durchaus mit gewisser Sorge unterwegs gewesen" sei. Doch das Gefühl ängstlicher Ungewissheit habe sich schnell verflüchtigt. Passanten hätten ihm freundlich den Weg zum nächsten Zeitungsstand oder zur Apotheke gewiesen.

In einem Handy-Laden hätten zwei Spezialisten "nach Dienstschluss eine Stunde lang mein abgelaufenen Handy wieder hergerichtet", erzählt der Alpener in Marxloh. Auf seine Frage, was er schuldig sei, hätten die beiden nur abgewinkt: "Beten Sie für uns!" So habe er's gehalten und am nächsten Tag eine Dank-Postkarte geschickt.

Es sei einem Vater begegnet, dessen Kind er mal in der Petershof-Sprechstunde behandelt und dem er etwas Geld gegeben hatte, damit er für seine Kinder eine Krankenversicherung abschließen konnte. Der Mann habe sich noch mal bedankt und gefragt, wie er das Geld zurückzahlen könne. "Wir nennen uns jetzt Partner", so Pistor, "das ist mehr als genug."

Er habe bei vielen "hochinteressanten Gesprächen" am Markt, in Cafés stets den Eindruck gewonnen, dass die Marxloher stolz sind auf ihren Stadtteil, "in dem es kein Kind mehr gibt, das Du noch nicht behandelt hast", wie ihm Schwester Ursula Preußer vom Petershof mit auf den Weg gegeben habe. "In der Tat. An fast jeder Ecke kam ein freundlich vertrautes Hallo."

Dem Viertel sehe man an, dass die Stadt bemüht sei, es aufzupolieren, mit Ordnungshütern Konflikten vorzubeugen, für saubere Straßen zu sorgen, Wohnungen zu sanieren und Plakate gegen Rassismus aufzuhängen. "All das zeigt Wirkung", so Pistor, der denkt, dass "die Integration von kinderreichen Familien aus Osteuropa eine langfristige Aufgabe" sei, bei der alle gefordert seien. "Aber man kann's als Chance begreifen", so der Mediziner, der den vom Strukturwandel gestählten Menschen hier "mit ihrer Aufgeschlossenheit" eine Menge zutraut.

Einen wichtigen Beitrag leiste der Petershof und das "großartige Wirken von Pater Oliver und seinem Team" - auch wenn's inzwischen an Grenzen stoße und es Veränderungen geben werde. Er werde weiter dabei sein, verspricht Pistor, damit Marxloh ein menschenfreundliches Antlitz zeige: "Ich komme wieder, um Urlaub zu machen."

Quelle: RP
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