| 00.00 Uhr

Alpen
Am Anfang waren 100 Meter Schlauch

Alpen. Löschgruppe Menzelen feiert am kommenden Sonntag 100-jähriges Bestehen mit einem Fest für die ganze Familie. Von Bernfried Paus

Sirenen melden die Katastrophe weithin hörbar. Auf der Wiese hinterm Markt in Menzelen-West ist ein Flugzeug abgestürzt. Häuser brennen. Helfer des DRK bergen schwer verletzte Menschen. Die Feuerwehr kämpft gegen die Flammen. Das ganze Dorf ist auf den Beinen. Rund 500 Menschen erleben das Szenario live mit. Richard Kerkhoff (63) haben sich die Bilder ins Gedächtnis eingebrannt. Er war damals 13 Jahre. Ein halbes Jahrhundert liegt die spektakuläre Übung mit Volksfestcharakter zurück. Wenn die Löschgruppe Menzelen am Sonntag, 14. Juni, ab 11 Uhr ihr 100-jähriges Bestehen feiert, geht's weniger turbulent zu. Aber auch beim Fest für die ganze Familie zeigen die Männer um Löschgruppenführer Christian Görtz (32), was sie können. Ein Zimmerbrand wird "heiß" simuliert - vom ersten Züngeln der Flammen, über das Signal des Rauchmelders bis hin zum Qualm nach getaner Löscharbeit.

"Ich war damals eines der Opfer", erzählt Kerkhoff, der als junger Mann in die Feuerwehr eintrat. Lange Jahre war er Maschinist der Truppe. Nun ist er "Opfer" der Altersgrenze geworden und musste schweren Herzens in die Ehrenabteilung der Wehr wechseln. "Ich hätte gern noch weitergemacht", sagt der Tischler.

Löschgruppenchef Christian Görtz (l.), im Zivilberuf zuständig für Brandmeldetechnik beim Stahlkonzern ThyssenKrupp, und Richard Kerkhoff (63) mit einem Pokal zur 50-Jahre-Feier, einem Helm aus der Zeit und einem modernen Kopfschutz. FOTO: Ostermann, Olaf (oo)

Vor 100 Jahren stand das Spritzenhaus nah' der heutigen Gaststätte "Zur deutschen Eiche", damals Schmithüsen. Die Spritzenpumpe wurde von Pferden gezogen und von Hand bedient. Zur Ausrüstung der ersten organisierten Helfer in der Not gehörten 16 Wassereimer aus Leder, zwei Einreißhaken und 100 Meter Schlauch.

Zehn Jahre nach Gründung wurde ein neues Spritzenghaus gebaut. So ist es der Chronik zum 75-jährigen Bestehen der Löschgruppe zu entnehmen. Dazu gehörte auch ein Steigeturm. Damals war die Freiwillige Feuerwehr 40 Männer stark, auf die der Ort zählte. Die Ausrüstung verbesserte sich stetig, aber erst 1942 gab's die erste Motorspritze.

FOTO: Ostermann

Das Spritzenhaus wurde im Krieg stark zerstört, die meisten Geräte waren verschwunden. Unter Führung von Brandmeister Anton Karmann begann nach Kriegsende der Wiederaufbau. Die Wehrleute machten ein altes Auto flott, lackierten es rot, und fertig war das Löschfahrzeug. Nach ein paar Jahren aber musste es zur Sicherheit aus dem Verkehr gezogen werden. Bis 1956 der neue VW da war, stellte Wehrführer Ricking seinen Privatwagen zur Verfügung. Aus den Anfängen wird berichtet, dass die Leute nicht nur ihren Mann gestanden haben, wenn's brannte, sondern auch, wenn den Menzelenern das Wasser bis zum Hals stand. Als der Rhein 1920 und 1926 über die Ufer trat, mussten Mensch und Tier gegen die schnell einströmende Flut aus Häusern und Ställen geborgen werden. Die Feuerwehr übernahm nicht nur die Versorgung der eingeschlossenen Bevölkerung mit Lebensmitteln und Trinkwasser. In all der Aufregung musste sie auch eine Hebamme "einschiffen", um einem Menzelener Ankömmling auf die Welt zu helfen. Nach der großen Flut mussten dann die Straßen von den Schlammmassen befreit, sämtliche Trinkwasserbrunnen wegen Seuchengefahr leergepumpt werden. Doch all das ist ewig her.

Vor acht Jahren bezog die Wehr ihr neues Domizil an der Neue Straße 5. Hier parken für aktuell 28 Einsatzkräfte drei Fahrzeuge - ein neues Tanklöschfahrzeug steht auf dem Bestellzettel. Zur Ausrüstung gehört auch ein Boot zur Rettung auf den Baggerseen. Damit hat die Wehr schon mal ein Entlein geborgen und einen Schwan gefangen.

Vor einem halben Jahrhundert war das 50-jährige Bestehen der Freiwilligen Feuerwehr in Menzelen ein Volksfest mit viel Lokal-Prominenz und Action . . . FOTO: Ostermann, Olaf (oo)

Nachdem früher vornehmlich Brände auf Bauernhöfen die Wehr in Atem hielten, liegen heute technische Hilfeleistungen nach Unfällen an der Spitze der Einsätze. Richard Kerkhoff erinnert sich an einen tödlichen Unfall auf der A 57 mit einem Mähdrescher und an eine Kollision auf dem Alpener Berg, bei dem ein Auto zwischen zwei Lkw total zusammengequetscht worden ist. "Es war wie ein Wunder, dass der Fahrer selbstständig aus dem Wrack gestiegen ist", so Kerkhoff.

Unvergessen ist ihm auch der Sonntagnachmittag in den 60er Jahren, als der Schwarz-Weiß-Fernseher des alten Oymann, eines der ersten TV-Geräte im ganzen Dorf, mit einem lauten Knall implodiert war, die Feuerwehr im roten VW anrückte, das Gerät nach draußen trug und unschädlich machte. Die Zeiten sind anders geworden. Die Löschgruppe ist technisch in der Gegenwart angekommen. Die Umrüstung auf Digitalfunk hat Ende Mai reibungslos funktioniert. Die Kommunikation läuft störungsfrei.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Alpen: Am Anfang waren 100 Meter Schlauch


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.