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Rheinberg
"Das Leben in Orsoy hat sich verändert"

Rheinberg. Die Jahreshauptversammlung des CDU-Ortsverbands Orsoy kam erst unter "Verschiedenes" in Schwung. Die Innere Sicherheit war das Thema. Josef Devers, der ideologische Taktgeber, fordert klare Kante, will aber keinen Rechtsruck. Von Uwe Plien

Es ist eine kleine Parteiversammlung eines kleinen CDU-Ortsverbands. 14 Frauen und Männer, die sich mit Wahlen und Formalitäten nicht lange aufhalten. Jahresrückblick, erste Termine fürs nächste Jahr, einstimmige Wahlergebnisse. Die Tagesordnung gibt nicht viel her. Spannend wird es erst, als die Vorsitzende Brigitte Devers den Tagesordnungspunkt "Verschiedenes" aufruft.

Von diesem Moment an kommt Leben in die gute Stube. Es geht hoch her, es wird teilweise richtig laut. Emotionen und Wut kochen hoch, es werden aber auch Argumente ausgetauscht. Kurzum: Es wird offen und ehrlich gesprochen. Und es kommt alles auf den Tisch, was die Mitglieder bewegt. "So ist das in Orsoy", unterstreicht Josef Devers. "Hier gibt es nichts, über das nicht gesprochen werden darf."

Devers ist "nur" Beisitzer im Vorstand des CDU-Ortsverbands. Doch jeder weiß: Er ist der ideologische Taktgeber, er ist die zentrale kommunalpolitische Figur im Ort, er gibt den Kurs vor. Ein Vollblutpolitiker, der sagt, was er denkt, und der auch unangenehme Wahrheiten ausspricht. Damit eckt er an. Aber das ist ihm egal. Wer so ist wie Devers, der hat nicht nur Freunde, darf aber für sich in Anspruch nehmen, authentisch zu sein.

Frank Heidenreich, der auch für Orsoy und Budberg zur Wahl stehende Landtagskandidat aus Duisburg, spricht an diesem Abend das Thema Innere Sicherheit an und bringt den Ball damit ins Rollen. Er fordert seine Partei auf, sich klar zu positionieren. Flüchtlinge und auch Migranten müsse im Land Schutz und Hilfe gewährt werden, "aber nicht Leuten, die hier Verbrechen begehen". Heidenreich plädiert beim Flüchtlingsthema für eine ehrliche Diskussion.

Josef Devers dreht diese Worte auf Orsoy und auf die Situation, die sich durch die Zentrale Unterbringungseinrichtung (ZUE) im alten Krankenhaus entwickelt habe. "Das Leben hier hat sich verändert. Viele haben eine gefühlte Unsicherheit, und die müssen wir ernst nehmen. Wir können die Leute nicht immer mit einem Verweis auf Statistiken vertrösten." Es gebe diffuse Ängste, allerdings nicht unbedingt vor Flüchtlingen. Devers: "Die Menschen sagen uns, dass es auch die Hell's Angels sein könnten, die sie beunruhigen. Oder sonst was. Irgendwas ist aus den Fugen geraten."

Die CDU habe ihren Wählern und Mitgliedern vor 20 Jahren versprochen: Wir sorgen dafür, dass ihr auch abends bedenkenlos in Orsoy über die Wälle laufen könnt. "Aber", so der Ratsherr, "das können wir nicht mehr halten. Unsere Aufgabe als Partei ist es nun, darauf hinzuweisen." Damit spricht Devers einigen im Raum aus dem Herzen.

Manche Kommentare an diesem Abend sind politisch grenzwertig. Ein CDU-Mann beklagt sich: Man könne heute keine "erzkonservative" Meinung mehr äußern, ohne gleich als Rechter abgestempelt und in die Nähe der AFD gerückt zu werden. Er wäre "heute lieber in der CSU als in der CDU". Das sind die Befindlichkeiten, die Anhänger demokratischer Parteien in die AFD abdriften lassen. Eine Gefahr, die Devers erkennt. Er wird zum Mahner: "Was wir in Orsoy nicht zulassen und nicht haben wollen, ist eine braune Soße. Aber auch keine extrem Linken. Ich will Freiheit und Demokratie. Das macht es schwerer und langwieriger, aber ich kenne keine bessere Staatsform. Wenn wir Dinge vernünftig beim Namen nennen, können wir den Populisten begegnen."

So endet eine denkwürdige Parteiversammlung eines kleines Ortsverbandes. Die spiegelt vermutlich wider, was derzeit viele Menschen bewegt. Nicht nur in Orsoy, sondern überall in Deutschland. Dabei sollte Politikern, die so taktieren wie die Orsoyer CDU, klar sein, dass sie sich auf dünnem Eis bewegen. Der Grat zwischen "klar aussprechen, was Sache ist" und populistischen Parolen ist schmal. Es braucht eine intelligente, demokratische Herangehensweise und erfahrene Politiker, die Verantwortung übernehmen und wachsam bleiben. Damit die Stimmung nicht kippt.

Quelle: RP
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