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Alpen
Der Landarzt hört auf - mit einem Lächeln

Alpen: Der Landarzt hört auf - mit einem Lächeln
Mit 72 Jahren hat sich der Mediziner Humam Atallah entschlossen, in den Ruhestand zu gehen. Sein freundliches Lächeln kann nicht verbergen, dass ihm der Schritt nicht leicht fällt. FOTO: Armin Fischer
Alpen. Auf den Tag genau nach 35 Jahren hat Humam Atallah (72) seine Praxis an der Alten Kirchstraße 6 in Alpen geschlossen. Seinen Sitz bei der Kassenärztlichen Vereinigung geht an die Praxis Dr. Gagel / Dr. Vohn im neuen Ärztehaus. Von Bernfried Paus

Humam Atallah hat in seiner Praxis an der Alten Kirchstraße in Alpen für seine Patienten unzählige Rezepte ausgestellt. Die wirksamste Arznei aber, das ist seine tiefste Überzeugung, gibt es nicht in der Apotheke. "Lachen ist die beste Medizin" steht auf dem Lampenschirm der Leuchte auf seinem massiven Schreibtisch. Das Licht hat der Mediziner nun ausgeschaltet. Auf den Tag genau nach 35 Jahren hat der 72-Jährige seine Praxis geschlossen. Sein Arztsitz wechselt ins neue Ärztehaus zur Gemeinschaftspraxis von Dr. Kathrin Gagel und Dr. Elmar Vohn. Humam Atallah behält nur seinen Arztkoffer. Für alle Fälle.

Die zurückliegenden Wochen waren er und seine Frau Ibtisam - was übersetzt Lachen heißt - voll damit beschäftigt, die Praxis zu räumen. Das Okay zum beantragten Wechsel des Sitzes kam auf den letzten Drücker. So blieb dem Chirurgen kaum Zeit, die Patienten vom einschneidenden Schritt zu informieren.

Als die davon erfuhren, spielten sich rührende Szenen ab. Ein älterer Herr sei gekommen mit einer Orchidee zum Abschied. Mit feuchten Augen habe er darum gebeten, noch mal im Wartezimmer Platz nehmen zu dürfen, erzählt Ibtisam Atallah, die mit ihrem Mann nicht nur sechs Kinder groß gezogen, sondern ihm auch in der Praxis geholfen hat. "Die Patienten und wir sind in den Jahren zu einer großen Familie zusammengewachsen", so Humam Atallah. Er kann nicht verbergen, dass auch ihm der Schnitt wehtut.

Er ist selbst zuletzt längere Zeit gesundheitlich nicht auf dem Damm gewesen, musste sich von Dr. Cornelius Anker vertreten lassen. Das hat seinen Entschluss aufzuhören beschleunigt. "Eigentlich wollte er immer praktizieren, bis er umfällt", sagt seine Frau und lacht.

Humam Atallah war Landarzt aus Überzeugung. "Der lernt die Patienten viel besser kennen als der Kollege in der Stadt", so der Mediziner, "kennt die häuslichen Verhältnisse." Das sei häufig eine bessere Basis für eine passende Therapie als die Diagnostik mit "vielen Maschinen". Zudem entfalte das gewachsene Vertrauen zwischen Arzt und Patient heilsame Wirkung. In mehr als drei Jahrzehnten lerne ein Dorfarzt mehrere Generationen einer Familie kennen. "Das ist schön", sagt der Arzt. Die Menschen seien dankbar. Nach Hausbesuchen gab's nicht selten frisches Obst und Gemüse aus dem Garten oder Nüsse vom Baum für den Herrn Doktor, sogar mal eine Gans für St. Martin. "Das kriegen Ärzte im Krankenhaus nicht", sagt der 72-Jährige und lächelt. Er ist als junger Mann von 17 Jahren aus Palästina gekommen, hat in Erlangen Medizin studiert. Später war er Oberarzt in der Chirurgie eines kleinen Krankenhauses in Uslar bei Göttingen, unweit der Grenze zur damaligen DDR. Er wollte nicht nur operieren, sondern als praktischer Arzt "alles machen" - und schaltete eine Annonce im Ärzteblatt.

Es kamen fast 40 Angebote aus ganz Deutschland. Das erste "und einzige", das er aufgemacht habe, sei das aus Alpen gewesen, wo Doktor El-Kubeysi einen Nachfolger suchte. An nur einem Wochenende machte er "Nägel mit Köppen", wie man am Niederrhein sagt. "Alle haben mitgeholfen, vom Banker bis zum Apotheker", so Humam Atallah: "Wir sind mit offenen Armen empfangen worden." Er und seine Frau hätten Alpen sofort in ihr Herz geschlossen: "Es war Liebe auf den ersten Blick", sagt Ibtisam Atallah. Alpen sei ein idealer Ort für Familien mit Kindern, sagt sie. "Und man kommt von hier schnell in größere Städte", ergänzt ihr Mann.

Mit drei Kindern sind die Atallahs im Herbst 1981 in die Wohnung neben der Praxis ein-, und nach knapp drei Jahren in ihr neues Haus umgezogen. Drei weitere Kinder sind in Alpen geboren worden und behütet aufgewachsen. "Wir haben es nie bereut, hierher gekommen zu sein", sagt Ibtisam Atallah.

Sie wollen hier wohnen bleiben, jetzt aber erst Urlaub machen, Tochter und Enkel in Jordanien besuchen. Vermissen werden den Mediziner und seine Frau auch die arabischen Flüchtlinge in Alpen. Die beiden sprechen nicht nur ihre Sprache, sondern verstehen auch, wie sie denken und fühlen. Die Patienten müssen sich nun einem anderen Arzt anvertrauen. Kein Grund, traurig zu sein, findet der Doktor. Er rät: "Viel lachen."

Quelle: RP
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