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Alpen
Die Hüterin des Erbes

Alpen: Die Hüterin des Erbes
Die Privatsammlung von Uschi Hüsch umfass inzwischen mehr als 200 historische Postkarten (oben und links) von Alpen und seinen Dörfern. Rechts zeigt sie auf die Geburtsurkunde des legendären Räuberhauptmanns Wilhelm Brinkhoff, der am 13. März 148 Jahre alt geworden wäre. Die Privatsammlung von Uschi Hüsch umfass inzwischen mehr als 200 historische Postkarten (oben und links) von Alpen und seinen Dörfern. Rechts zeigt sie auf die Geburtsurkunde des legendären Räuberhauptmanns Wilhelm Brinkhoff, der am 13. März 148 Jahre alt geworden wäre. FOTO: bp
Alpen. Uschi Hüsch (53) kümmert sich im Alpener Rathaus neben dem Sitzungsdienst für den Rat und seine Gremien um das historische Archiv. Auch privat schlägt ihr Herz für die Vergangenheit ihrer Heimat. Sie sammelt alte Postkarten. Von Bernfried Paus

Vertieft in einen großen Bauplan zur Erweiterung des Rathauses anno 1958 sitzt Uschi Hüsch (53) im lichten Keller, an den damals noch keiner gedacht hat, eben jenes Gebäudes. Zu der Zeit wohnte oben unterm Dach noch der Amtsdirektor Sody. Der musste vom Wohnzimmer aus nur ein paar Stufen die Treppe runter, um seinen Dienstgeschäften nachzugehen oder in den Amtsstuben nach dem Rechten zu sehen. "In der damaligen Küche stand später mein Schreibtisch", sagt die Rathaus-Archivarin. Das Bad des Verwaltungschefs hat die Zeit überdauert. Es existiert noch heute. Für die 53-Jährige ist die Bauakte ein Stück Heimat. Sich damit zu befassen, ist zwar Teil ihres Jobs. Aber es ist für sie vor allem ein gutes Gefühl.

Heimatkunde sei schon damals in der Schule eines ihrer Lieblingsfächer gewesen, sagt die Frau, die stolz darauf ist, in Menzelen-West aufgewachsen zu sein, die aber seit rund 30 Jahren in Alpen lebt. Im Rathaus war sie zunächst zuständig für die Denkmalpflege, ehe sie vor knapp zehn Jahren ins Büro des Bürgermeisters gewechselt ist. Hier ist nach dem Organisationsplan der Verwaltung die Archivarbeit angesiedelt, lag aber lange brach, wie Büroleiter André Emmerichs sagt.

FOTO: Armin Fischer

Ursula Hüschs Aufgabe war und ist es, den schlafenden Riesen zu wecken und die Vergangenheit mit Leben zu füllen. Das Archiv erreicht, wer im Aufzug den untersten Knopf drückt. Die 53-Jährige aber nimmt meist die Treppe, wenn sie mal wieder ganz tief nach unten will. In erster Linie kümmert sie sich auf der ersten Etage um den Sitzungsdienst des Rates und seiner Gremien. "Das hat bei aller Liebe absolute Priorität", sagt die Frau mit dem großen Herzen für ihre Heimat.

Sich um die Geschichte(n) Alpens und seiner Dörfer zu kümmern, sie zu entdecken, sie auszuleuchten, sie zu erzählen, bereite ihr große Freude, sagt sie. Sie hoffe stets, dass ihre Begeisterung dafür ansteckend wirkt. "Ich finde es schön, wenn Menschen Heimatliebe entwickeln, ein Gespür dafür bekommen, wo sie leben", sagt sie.

Uschi Hüsch ist dankbar dafür, dass sie bei ihrer Archivarbeit in der Verwaltung viel Unterstützung findet. André Emmerichs, Leiter im Büro des Bürgermeisters, weiß die Arbeit, die im Rathaus-Keller geschieht, zu schätzen. FOTO: Fischer

Dieses hehre Ziel, das weiß sie, kann sie nicht im Alleingang erreichen. Eine Einzelne sei damit überfordert. Sie sei Teamspielerin. Das betont sie immer wieder. Es gehe nur zusammen, mit Unterstützung im Rathaus wie in den Ortschaften, in denen von vielen so vorbildliche Arbeit auf dem Gebiet der Heimatpflege geleistet werde.

Sie versuche, zusammenzuführen, Details - "Puzzleteile" -, die irgendwo im Rathaus zwischen verstaubten Aktendeckeln schlummern, auszugraben, um das historische Bild an manchen Stellen runder zu machen. Uschi Hüsch versteht Archivarbeit als ein "Geben und Nehmen". Sie greift Geschichten auf, die andere aus der großen "Familie der Alpener Heimatfreunde" ausgegraben haben und findet in der Tiefe des Rathauses mit etwas Glück weitere Originalquellen. "Alles hängt mit allem zusammen", sagt die Archivarin.

FOTO: bp

So etwa die Geburtsurkunde des späteren Geschichtsschreibers Walther Bösken, der 1865 das Licht der Welt erblickt hat. Dessen Vater war Bürgermeister in Alpen, sein Urgroßvater der Standesbeamte, der am 13. März 1839 die Geburt des legendären Räuberhauptmanns Wilhelm Brinkhoff von der Bönninghardt beurkundet hat. Im Gegenzug freue sie sich über jeden, der ihr Informationen oder Originalquellen zur Verfügung stellt, damit wertvolles Wissen über die Vergangenheit nicht verschütt geht und Grundlage bleibt für eine gedeihliche Zukunft.

Das müssen nicht schriftliche Quellen sein. So brachte man ihr im Zusammenhang mit dem Vortrag über den Bönninghardter Olympiasieger im deutschen Handballtor von 1936, Heinz Körvers, leihweise einen Original-Ball aus den 50er Jahren für eine kleine Ausstellung vorbei. "Es ist schön, wenn die Leute keine Scheu haben und den Schritt ins Rathaus wagen, um mir alte Dinge zu bringen", sagt Uschi Hüsch.

Sie hat auch ihre alte mechanische Schreibmaschine ins Archiv gestellt, damit auch künftige Generationen erfahren, wie man vordigital mit kräftigen Fingerschlägen schriftlich kommuniziert hat. Oder, dass Mikrofische Informationen speichern und nicht im Wasser schwimmen. In diese Kategorie von Zeugnissen fallen auch ausgemusterte Großkarten aus örtlichen Schulen, an denen ganze Generationen von Alpener Kindern mal die Welt erklärt worden ist.

Auch privat ist Uschi Hüsch archivarisch viel unterwegs. In einschlägigen Internetforen und auf Tauschbörsen. Ihre Sammlung von Alpener Postkarten, die tatsächlich, mit Briefmarken versehen, mal verschickt worden sind, hat die 200er-Marke inzwischen überschritten. Sie zeichnen ein Bild von Alpen, das es lange so schon nicht mehr gibt. Den Adlersaal in Menzelen-Ost zum Beispiel, als der Eingang noch auf der Rückseite lag, die Kirche St. Ulrich, als vor 1903 der Turm noch nicht errichtet war (Bild ob. re.), das Alpener Rathaus, als der Bürgermeister im Jahr 1904 (unt. li.) noch als Polizeiverwaltung unterschrieben hat und es dort noch Arrestzellen gab für Leute, die sich ziemlich schlecht benommen haben.

Davon gibt's vielleicht sogar noch Aufzeichnungen. Die zu finden, gehört ins Aufgabengebiet der Kollegin Angelika Grünert. Die ist dafür zuständig, Urkunden, Bescheide, Schriftsätze, Baupläne - einfach alles - fürs Verwaltungsarchiv zu digitalisieren, zu sortieren und möglichst übersichtlich zu gestalten, damit einst Forscher aller Art sich schnell darin zurechtfinden. Alles wird künftig in einem "Findbuch" für die Verwaltung zusammengeführt. Das Computerprogramm mit dem schönen Namen "Faust" hilft bei der Sisyphusarbeit. Eine Aufgabe für die Ewigkeit, wie André Emmerichs sagt: "Die Arbeit im Archiv ist nie zu Ende." Das Leben in Alpen geht weiter, immer weiter.

Kontakt Uschi Hüsch, Rathaus Alpen, Tel. 02802 912-140, E-Mail an archiv@alpen.de

Quelle: RP
 
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