| 00.00 Uhr

Alpen
Die Spur führt weit zurück vor die Reformation

Alpen: Die Spur führt weit zurück vor die Reformation
Teile des historischen Schatzes sind arg ramponiert und müssten dringend saniert werden. FOTO: Fischer, Armin (arfi)
Alpen. 40 Jahre waren Archivalien der Evangelischen Kirchengemeinde Alpen verschollen. Sie sind wieder da. Niemand weiß, wo sie waren. Von Bernfried Paus

Es begab sich zu der Zeit, als man längst zu glauben begonnen hatte, dass der alte Schatz auf ewig verloren war. Doch es geschehen Zeichen und Wunder - auch heute noch. So ist die Evangelische Kirchengemeinde wieder im Besitz wertvoller Archivalien - teils Zeugnisse aus der Zeit weit vor dem Tag, als Luther seine Thesen an die Kirchenpforte zu Wittenberg geschlagen hat. Fast ein halbes Jahrhundert waren die historischen Dokumente verschollen. Die Polizei war eingeschaltet. Aber vermutlich war das Schuldgefühl stärker als alle Staatsgewalt. Die Geschichte geht so:

Pastor Dr. Hartmut Becks hat die Lieferung anfangs für Werbung gehalten. FOTO: Fischer, Armin (arfi)

Es ist der 24. Februar dieses nur noch kurzen Jahres. Ein ganz gewöhnlicher Dienstag zu Beginn der Fastenzeit. Pfarrer Dr. Hartmut Becks kommt ins Gemeindehaus und stutzt: Die Post hat zwei große Pakete ins Haus geliefert. "Mein erster Gedanke war, dass jemand irgendwelches Werbematerial bestellt hatte", erzählt Becks. "Aber als ich die Kartons aufgemacht hatte, war ich erst mal baff!"

Blätter aus pulvertrockenem Pergament, teilweise verwittert, zerfressen vom Zahn der Zeit, mit feiner Feder handschriftlich mit Text versehen, fast verziert, in einer Mischung aus Latein und Platt, mit Wachssiegeln autorisiert. Sofort ist klar: Das stammt aus anderen Zeit. Ein Schatz, der scheinbar aus dem Nichts vom Paketdienst ins Gemeindehaus geliefert worden war.

Das älteste Dokument stammt aus dem Jahre 1410: Graf Gomprecht, Vogt zu Köln und Herr zu Alpen, schenkt der Kirche die "Grote Horst". FOTO: Fischer, Armin (arfi)

Pfarrer Becks zieht umgehend den Historiker Dr. Joachim Daebel hinzu, lange Presbyter in der Gemeinde und ein vorzüglicher Kenner der Orts- und Kirchengeschichte in Alpen. Die Recherchen kommen schnell zum Ziel: Es handelt sich bei den Dokumenten um Urkunden aus dem 15. bis zum 17. Jahrhundert, die einst zum Bestand des bedeutenden Kirchenarchivs gehört haben.

Sie galten lange als verschwunden. Edgar Reitenbach, Archivpfleger des Kirchenkreises Moers, hatte Anfang der 1990er Jahre die Bestände des Archivs der Kirchengemeinde Alpen geordnet. Dabei hatte er festgestellt, dass wichtige Urkunden und Kirchenakten fehlten.

Hölzerne Schoner schützen die alten Siegel wie das Türmchen im Bentheimer Wappen (rechts) oder das Kirchsiegel mit Taube und Schlange. FOTO: Armin Fischer

Nachforschungen förderten die traurige Erkenntnis zutage, dass die fehlenden Dokumente wohl im Jahre 1978, als Peter Frisch Pfarrer in der Gemeinde war, ausgeliehen worden waren. An wen, das wusste kein Mensch mehr und ließ sich trotz aller Akribie auch nicht mehr zurückverfolgen. Das Presbyterium befragte denjenigen, der die historischen Originalquellen ausgehändigt hatte. Vergeblich.

2001 wurde im amtlichen Mitteilungsblatt der weltlichen Gemeinde ein Aufruf geschaltet, die fehlenden Archivalien zurückzugeben. Ohne Ergebnis. Ein Jahr später wurde Anzeige gegen Unbekannt erstattet - wegen Raub von Kulturgut. Fehlanzeige. Die Ermittlungen der Polizei verliefen im Sande. Das Verfahren wurde schließlich eingestellt. Das war's dann wohl.

Bis zum 24. Februar, als die Post zwei schwere, völlig unscheinbare Kartons ins Gemeindehaus trägt. Im ersten finden sich 27 Urkunden aus dem Kirchenarchiv anno 1410 bis 1608. Hölzernen Schatullen - so genannte Siegelschoner sorgen nun dafür, dass das Türmchen des in rotes Wachs gedrückten Bentheimer Wappens noch lange gut auszumachen ist. Auch Prägungen des Kirchsiegels mit Schlange und Taube - in Anlehnung an den Vers aus dem Matthäus-Evangelium "Seid klug wie die Schlange und ohne Falsch wie die Taube" - sind mit bloßem Auge gut erkennbar.

Der zweite Karton enthält einen Folianten mit der Aufschrift "Historica 1537 - 1896" mit Schriftstücken zur Nicolai-Vicarie, der kleinen Kapelle am Schloss Alpen. Sie geben Zeugnis über Einkünfte der Pastoreien, über einen Streit zwischen Reformierten und Katholiken um Ländereien. "Also wie fast immer geht's um Geld", so Pastor Becks.

Es gibt Register der Renten für die "Alpsche Kirche" und Auflistungen der "Armenrechnungen" - eine frühe Form der Sozialversicherung - von 1576 bis 1997. Die Kirche verwaltete damals die Steuerzahlungen zur Unterstützung derjenigen, die nichts hatten. "Kirchliches Recht war damals weltliches Recht", so Becks. Wahrlich paradiesische Zeiten für kirchliche Mächte.

Es findet sich auch Geschichtliches über die Kirchengemeinde Wallach und ein Foto der Ev. Kirche in Alpen um 1900 von Walter Bösken, historisch versierter Kirchmeister im 19. Jahrhundert. Die teils arg sanierungsbedürftigen Quellen sind inzwischen fachkundig in speziellen Behältnissen verpackt und einbruchssicher eingeschlossen in Stahlschränken, die das Amalienstift der Kirchengemeinde fürs Archiv spendiert hat. Darin wird der Schatz nun für die Ewigkeit gehütet.

Unterdessen liegt das fast 50-jährige Kapitel der wieder aufgetauchten und teils mehr als 600 Jahre alten Urkunden weiter im Dunkeln. Absender der Post-Pakete: ein falscher Allerweltsname - die Anschrift existiert nicht, die Spur führt über den Rhein auf einen Acker in Bocholt im westlichen Münsterland.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Alpen: Die Spur führt weit zurück vor die Reformation


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.