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Alpen
Die Sturheit des Esels ist Intelligenz

Alpen: Die Sturheit des Esels ist Intelligenz
Lotte und Ludwig haben auf der Bönninghardt ihr Zuhause. FOTO: Fischer
Alpen. Lotte und Ludwig sind auf der Bönninghardt als Therapeuten im Einsatz. Von Sabine Hannemann

Seit Urzeiten hat der Esel den Menschen unschätzbare Dienste erwiesen. Er gehört wie selbstverständlich in die Vorstellung von einer Weihnachtskrippe. Ein Blick in die Geschichte des Mittelmeeres offenbart: Als "Kleintransporter" schleppten sie Lasten der Römer über die Alpen, arbeiteten in Weinbergen und standen sozusagen im zivilen Dienst des Menschen. In der Bibel wird der Esel etliche Male erwähnt und inspirierte Künstler zu Darstellungen rund um die Weihnachtskrippe gemeinsam mit dem Ochsen. Franz von Assisi soll im 14. Jahrhundert eine Krippe mit lebenden Tieren inszeniert haben. Die damalige Welt schätzte nicht nur die Vielseitigkeit von Eseln, die bis zu 35 Jahre alt werden. In der hautpflegenden Milch von Eselinnen soll Neros Frau Poppea gebadet haben. Aus dünnen Eselshäuten wurde Pergament hergestellt.

Das Leben ihrer frühen Vorfahren dürfte Lotte und Ludwig wenig beeindrucken. Sie leben entspannt bei Andrea Spenst-Wiegand und ihrem Mann Andreas auf einem Bauernhof am Rande der Bönninghardt. Zwar sind die beiden Esel-Besitzer mit Anton auch auf den Hund gekommen. Doch der Weg von Lotte (4,5 Jahre) und Ludwig (3,5 Jahre) ist um ein Vielfaches aufregender. "Über Facebook erfuhren wir von ihrem Schicksal. Sie wurden aus einem Schlachttransport nach Italien rausgekauft. Sie waren notdürftig in einer Sattelkammer untergekommen, wo sie nicht bleiben konnten", erzählt Andrea Spenst-Wiegand.

Mit ihrem Mann ist die Sache schnell entschieden. Die beiden Esel sollen an den Niederrhein auf ihren Hof kommen. "An Verladen in den Hänger war überhaupt nicht zu denken. Die beiden waren völlig verstört und sehr unruhig", erinnert sich Andreas Spenst. Zunächst wurde vermutetet, dass es sich um Mutter und Sohn handelt. Das junge Tier war nach den Papieren acht Monate alt. "Ich habe den kleinen zitternden Esel mit beiden Armen umfasst und ihn in den Hänger getragen", erzählt der 59-Jährige. Der Anfang gestaltetete sich schwierig. Aber die Neugier siegte. "Esel sind lernbegierig und anhänglich", so Andrea Spenst-Wiegand.

Mit Ponys, Federvieh und Anton haben die Esel längst Freundschaft geschlossen und hängen sehr an ihren Gastgebern. "Lotte kann schon mal eifersüchtig sein", sagt Andreas Spenst.

Lotte und Ludwig sind inzwischen als Psychotherapeuten gefragt. Andrea Spenst-Wiegand ist ausgebildete Erzieherin und bietet "tiergestützte Therapien" an. "Ich wusste von der beruhigenden Wirkung von Eseln auf Menschen", sagt sie über die eseligen Tugenden. Allmählich entwickelte sich die Idee, die beiden Schützlinge als Therapietiere einzusetzen. Mit Erfolg.

Menschen mit und ohne Handicaps lieben die beiden, die nach entsprechendem Training auch Hausbesuche machen und bis ans Bett kommen. Lotte und Ludwig sorgen bei Zweibeinern für Gelassenheit und geben von ihrer Ruhe ganz viel ab. Esel als störrisch zu bezeichnen, finden die Esel-Freunde absolut unpassend.

Anders als das Pferd sei der Esel nun mal kein Fluchttier. Der Esel bleibt stehen, orientiert sich und reagiert dann. "Das wird dann als stur bezeichnet. Aber wenn Lotte und Ludwig etwas nicht wollen, respektieren wir das", sagt Andreas Spenst. Seine Frau ergänzt: "Wenn wir mit ihnen therapeutisch arbeiten, merken wir, wann es genug ist. Die beiden ziehen sich zurück. Ein ganz sicheres Zeichen", sagt die 51-Jährige.

Ihr Mann schwärmt von der Schönheit der Grauohren und der Fellzeichnung. "Sie haben lange Wimpern und Augen, in denen man sich verlieren kann. Schön finde ich die dunkle Haarlinie unter den Augen, die fast wie ein Kajalstrich aussieht." Der Beginn einer langen Freundschaft ist geglückt.

Quelle: RP
 
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