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Alpen
Ehepaar nimmt Flüchtlingsfamilie auf

Alpen: Ehepaar nimmt Flüchtlingsfamilie auf
Von links: Iptisam Atallah, Ahed und Jehad mit ihrer Tochter Sham und Margret Siemens FOTO: Fischer, Armin (arfi)
Alpen. Vor vier Wochen sind Jehad (24)und seine hochschwangere Frau Ahed (19) aus Damaskus geflohen und sind in Wesel gelandet. Dort setzten Wehen ein. Die Eheleute Siemens in Alpen haben die Flüchtlingsfamilie bei sich aufgenommen. Von Bernfried Paus

Die tiefschwarzen Äuglein öffnen sich für einen Moment. Um die winzigen Mundwinkel huscht der Hauch eines Lächelns. Dann schläft Sham, geborgen im Arm ihrer jungen Mutter, weiter. Ganz ruhig. Dem zwei Wochen alten Säugling fehlt's an nichts. Ein friedliches Bild. Sham ist ein anderer Name für Syrien. Da herrscht Krieg. Shams Eltern sind aus den Trümmern der Hauptstadt Damaskus geflohen, wie Millionen Landsleute. Sie haben den gleichen lebensgefährlichen Weg gewählt, über die Türkei im Schlauchboot übers Mittelmeer auf griechische Insel Kos, von dort weiter über den Landweg bis nach Deutschland.

Ein beschwerlicher Weg. Besonders für die hochschwangere Ahed (19). Mutter und Kind haben die ungeheuren Strapazen heil überstanden. Die Geburt des Töchterchens hat die Flüchtlingsfamilie nach Alpen geführt.

Margret und Wolfgang Siemens haben sie in ihrem idyllisch gelegenen Häuschen An den Teichen aufgenommen. "Unser Haus ist vom Bomben zerstört worden", erzählt Jehad (24), ein schlanker, gut aussehender junger Mann. Sein Bein sei dabei verletzt worden. In Damaskus hat er als Friseur gearbeitet. Bis er sich mit seiner schwangeren Frau auf den Weg in die Ungewissheit gemacht hat, "um Frieden zu finden", übersetzt Iptisam Atallah. Sie ist vor 40 Jahren aus Palästina über die USA nach Alpen gekommen, wo ihr Mann als Arzt praktiziert. Jetzt leistet sie bei der Flüchtlingshilfe wertvolle Dienste als Dolmetscherin.

Zwei Wochen hat es gedauert, bis das syrische Paar am Niederrhein gelandet ist und mit 300 anderen Flüchtlingen einen vorläufigen Platz fand in der Notunterkunft im ehemaligen Verwaltungsgebäude der ehemals weltläufigen Firma Trapp in Wesel. Dort klagte die Syrerin plötzlich über "Bauchschmerzen", erzählt Epitam Atallah. Das DRK Alpen, das in Wesel half, nahm Kontakt zur Dolmetscherin auf. Die riet dem werden Vater, mit seiner Frau sofort ins Marien-Hospital zu gehen. Ein eindeutiger Befund war schwierig, erzählt die Dolmetscherin. Einen Mutterpass, der exakte Auskunft über den Entbindungstermin hätte geben können, Fehlanzeige. Epitam Atallah ereilte aus dem Kreissaal der Notruf: "Bitte kommen Sie!" Es sei eine schwere Geburt gewesen - "vor allem für Hebammen, Ärzte und Schwestern". Weil halt die Verständigung so immens schwierig war.

Das Mädchen kam gesund zur Welt, 2860 Gramm leicht, 48 Zentimeter klein. Der Vater war glücklich. Aus Dankbarkeit wollte er sein Kind Iptisam nennen. Der Name bedeutet Lachen. Die neue Freundin wehrte ab. "Das kann doch in Deutschland keiner aussprechen." Sie empfahl Sham. "Als Klammer zur Heimat Syrien."

Mutter und Kind sollten nicht zurück in die Massenunterkunft. "Wie sollte da das Stillen funktionieren?", fragt die agile Dolmetscherin. Sie aktivierte ihre Drähte zu den engagierten Flüchtlingshelfern in Alpen. Andreas Rösen vom Sozialamt rief bei Margret Siemens (59) an. Die hatte signalisiert, dass sie bereit stehe, "wenn Not am Mann" sei. Die Frau stand bereit und sagte spontan zu, die junge Familien bei sich aufzunehmen. "Wir wollten zeigen, dass Willkommenskultur praktisch funktioniert", sagt Magret Siemens.

Ihre Tochter (24) kam aus Münster, räumte über Nacht ihre 30 m2 großes Zimmer. Das ist seit zwei Wochen das Zuhause der jungen Eltern mit ihrem Baby - ihr eigenes kleines Reich. Hier können sie zur Ruhe kommen nach den Strapazen der letzten Wochen. Margret und Wolfgang Siemens sind von einem auf den anderen Tag Großeltern geworden. "Sie behandeln uns wie ihre eigene Kinder", sagt Jehad, "und für uns sind sie unsere Eltern".

Die Verständigung ist mühsam. Mit dem Online-Übersetzer dauert jeder Halbsatz eine kleine Ewigkeit, bis er auf beim anderen ankommt. Irritationen inbegriffen. Guter Wille ebnet kulturelle Gräben. "Wir machen täglich neue Erfahrungen", sagt Musiklehrerin Magret Siemens. Man kocht zusammen, sitzt gemeinsam am Tisch. Nicht immer. Privatsphäre ist wichtig - für alle. Aber das muslimische "Opferfest" hat man ein wenig gefeiert.

Lernen ist keine Einbahnstraße. Iptisam Atallah bläut den Ankömmlingen Sekundärtugenden ein: Ohne Pünktlichkeit und Sauberkeit komme man in Deutschland nicht weit. Margret Siemens versucht, der jungen Mutter etwas Deutsch beizubringen. Wie lange die deutsch-syrische Drei-Generationen-Familie zusammenbleibt, weiß keiner. "Man wird sehen", sagt Margret Siemens. Was auch kommen mag: "Wir werden uns nie mehr aus den Augen lassen."

Quelle: RP
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