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Alpen
Ein Paradies für den Baum des Jahres

Alpen: Ein Paradies für den Baum des Jahres
Ein prachtvolles Ensemble: Diese Kastanienbäume vorm Hof am sogenannten "Düwelsberg" entfalten gerade jetzt im Herbst ihre ganze Schönheit. Die ist auch von großen Dichtern und Denkern schon besungen worden. FOTO: bp (3), Bröcheler-Archiv (2)
Alpen. Naturschützer haben gestern die Esskastanie zum Baum des Jahres 2018 gekürt. Deutschlandweit kommt die Baumart selten vor, auf der Bönninghardt ist sie vor fast jedem Haus zu finden. Die Menschen bewahren dort ihren Schatz. Von Bernfried Paus

Die Esskastanie - mit botanischem Namen castanea sativa - hat die Fichte abgelöst und ist gestern zum Baum des Jahres gekürt worden. Das hat auch bei Heimatfreunden auf dem Höhenzug Bönninghardt große Freude ausgelöst, auch wenn für Karl Bröcheler die Nachricht nicht ganz so überraschend gekommen ist: "Man hat schon davon munkeln hören." Der 78-Jährige, der schon "als Kind das Kirmesgeld mit Kastaniensammeln verdient hat", hat auf Bitten der Interessengemeinschaft Edelkastanie für die Gesellschaft Deutsches Arboretum in ihrer Zeitschrift "Beiträge zur Gehölzkunde" gerade einen langen Aufsatz veröffentlicht. Der Titel lautet: "Die Edelkastanie - Haus- und Hofbaum par excellence auf der Bönninghardt".

Damit hat Bröcheler nicht nur ein natürlich gewachsenes Alleinstellungsmerkmal der Bönninghardt herausgearbeitet. Ihm ist es viel wichtiger, damit ein Bewusstsein dafür zu schaffen, welchen historischen Schatz viele Heier noch immer vor der Haustür haben. "Den Wert dieser alten Hausbäume möchte ich den Bönninghardtern gerne nachhaltig in Erinnerung bringen", sagt der Mann mit dem großen Herzen für seine Heimat. Und zwar bevor die Axt angelegt wird.

Die Fachleute hat er bereits 2010 überzeugt, als sie mit dem Bus zur Expedition "op der Hei" waren und aus dem Staunen nicht mehr herauskamen, weil an nicht nur an der Kirche St. Vinzenz anno 1864, sondern an fast jedem alten Haus noch eine mächtige Kastanie steht, die in diesen Herbsttagen wieder ihre stachelig verpackten leckeren Früchte mit brauner Schale abwirft.

Das Staunen fasst Volker André Bouffier von der IG Esskastanie in einer Mail an Bröcheler in die wissenschaftliche formulierte Formel: "Die Dichte alter solitärer Edelkastanien in der Bönninghardt kann bundesweit als einmalig beschrieben werden."

Für Bröcheler, auf der Bönninghardt aufgewachsen und hier zuhause, steht schon lange fest, dass der Baum, der vermutlich op der Hei schon weit vor der Erstbesiedlung durch die "Pfälzer" Ende des 18. Jahrhunderts Wurzeln geschlagen hat. Für ihn ist die Kastanie das Symbol für den Höhenzug. Der schöne Baum, den Dichter und Literraten wie Goethe und Hermann Hesse besungen haben, gehört zur Bönninghardt wie der Heidebesen.

Die Pfälzer waren's, die hier auf den kargen, aber leicht erwärmbaren Sandböden Kastanien anpflanzten. Die gediehen hier prima und warfen eine Frucht ab, die nicht nur schmeckte. "Das Brot der Armen" war recht nahrhaft und brachte mit seinem hohen Energiegehalt manch' bitterarme Siedlerfamilien über den Winter.

Dann war's Förster Hugo Feldes, der als Verwalter des Solvay-Waldes in der 20er Jahren bei der Aufforstung auf die Kastanie kam. Seine Versuche, die Lichtungen nach Kahlschlägen mit der Rotbuche wieder aufzumöbeln waren fehlgeschlagen. Bröcheler zitiert Feltes: "Es war also notwendig, für die Rotbuche einen Ersatz zu finden, ..., überlegen im Wert seines Holzes und im Wert seines bodenverbessernden Blattes." Die faulenden Blätter der Kastanie gaben einen nährstoffreichen Humus. Sie wurde zum dominanten Gehölz auf dem Höhenzug. Saatgut für den Förster gab's auf den Höfen genug und dazu günstig. Denn: Was dem westfälischen Bauern seine Eiche, war dem Heier seine Kastanie am Haus.

Quelle: RP
 
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