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Alpen
Ein Stern geht auf - trotz leichter Brise

Alpen: Ein Stern geht auf - trotz leichter Brise
Die drei Flügel der Windmühle werden am Boden mit der Nabe montiert. Dann hievt der Spezialkran, ein Prototyp der Firma Terex, die 65 Tonne schwere Fracht nach oben. FOTO: Arnulf Stoffel
Alpen. Das neue Windrad in Drüpt trägt jetzt drei Flügel. In Kürze werden sie sich drehen und Strom produzieren. Von Erwin Kohl

Zentimeter für Zentimeter biegt der Lkw von der Drüpter Straße in die Römerstraße ein. Der Fahrer muss das rückwärts machen, weil sein 55 Meter langes Gefährt sich ansonsten in der Einmündung festsetzen würde. Die Fracht des Ungetüms: Ein einziger Flügel einer Windkraftanlage, die von den Mitarbeitern der Firma Enercon auf einem Feld zwischen der Bundesstraße 57 und der Römerstraße jetzt vollendet wurde. Zwei Nächte waren die drei Lkw-Fahrer mit ihrer Fracht, die aus Portugal über den Seeweg nach Emden im Norden kam, an den Niederrhein unterwegs. Zwei Mal sind Mitarbeiter der Firma die Strecke zuvor abgefahren, haben alle neuralgischen Punkte vermessen. Größtes Hindernis: die Autobahn-Baustellen. "Wir mussten jede Baustelle aufwändig umfahren, das muss alles vorher exakt geplant werden", berichtet Aufbauleiter Markus Wulff.

An diesem Vormittag gilt es, die drei jeweils zehn Tonnen und 45 Meter langen Ungetüme auf dem Boden mit der 35 Tonnen schweren Nabe zu verbinden. Der Stern muss dann Stunden später 104 Meter über dem Erdboden mit dem Maschinenhaus verschraubt werden. Zwar ist Wind eine Grundvoraussetzung, um später die anvisierten 2,3 Megawatt Strom stündlich - Energie für rund 850 Häuser - zu produzieren. Was aber den Bau der großen Windmühle betrifft, ist maximal ein laues Lüftchen gefragt.

Die Monteure werden im Korb zur ihrem Arbeitsplatz in 100 Meter Höhe gehoben. Dort befestigen sie den Stern mit 172 Schrauben. FOTO: Arnulf Stoffel

"Wenn wir die Nabe hochziehen, darf die Windgeschwindigkeit auf gar keinen Fall über sechs Meter in der Sekunde liegen. Deshalb haben wir Windmesser auf der Spitze des mächtigen Spezialkrans und an der Gondel befestigt", erläutert Wulff.

Als es am frühen Nachmittag so weit ist, dass der Stern am Haken die gut 100 Meter nach oben gehievt werden soll, rückt der Grenzwert verdächtig nahe. Das Tuch, das hoch oben das Maschinen-Gehäuse geschützt hat, flattert im Wind. Aber die Profis drehen die riesige Fracht in Idealposition in den Wind und leisten perfekte Millimeterarbeit.

Welche enormen Ausmaße die Rotorblätter haben, wird deutlich, als ein Mitarbeiter in den Flügel hinspaziert und so genannte "Torpedos" befestigt. Diese Hülsen dienen dem Zweck, die Stahlseile des gelben Krans aufzunehmen, der mit einem Kontergewicht von 148 Tonnen befrachtet ist und den schlanken Betonpfeiler der Mühle noch deutlich überragt. Dagegen wirkt der helfende Autokran wie ein Matchbox-Exemplar.

FOTO: Arnulf Stoffel

Der Bau einer Windmühle ist eine Sache für Männer ohne Nerven und vor allem ohne Höhenangst. Der Turm der Anlage verfügt weder über Treppen noch Aufzug. Die vier Mitarbeiter, die später das 65 Tonnen Ungetüm oben in Empfang nehmen, werden einzeln in einem Drahtkäfig zum Maschinenhaus in luftiger Höhe befördert.

Bevor sie das mächtige Rad mit den drei Flügeln mit 172 Schrauben der Größe M 36 befestigen können, wird es noch einmal richtig spannend. "Wir müssen das Windrad während des Hochziehens von der horizontalen in die vertikale Lage bekommen. Das ist bei dem Gewicht und dem Durchmesser von 92 Metern nicht ganz leicht", so Markus Wulff. Dafür kommt die "Banane" zum Einsatz, wie die Enercon-Leute die stählerne Rotor-Drehvorrichtung nennen. Während zwei Männer eine Blattspitze halten, dreht der Kran die Banane und so den Rotor in die gewünschte Position, der Rest ist Routine. Eine kleine Schar technikbegeisterter Radler schaut in gebotenem Abstand gebannt zu. Beim Fläschchen Bier ist die Stimmung prima.

Für Zuschauer ein Spektakel, für Wulff und sein Team Alltag. Über 500 Windriesen haben sie schon aufgebaut, da verflüchtigt sich der Respekt vor der Technik: "Eigentlich ist so eine Anlage nichts anderes als ein großer Fahrrad-Dynamo."

Quelle: RP
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