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Rheinberg
Eine Holocaust-Überlebende erzählt gegen das Vergessen

Rheinberg. Eva Weyl (80) aus den Niederlanden machte gestern Amplonius-Gymnasiasten zu "Zeitzeugen aus zweiter Hand". Von Erwin Kohl

"Die jüngere Generation ist nicht verantwortlich für die dunkle Vergangenheit, aber dafür, was sie daraus macht", sagt Eva Weyl. Die 80-jährige Niederländerin sprach auf Einladung des Amplonius-Gymnasiums vor Schülern der 11. und 12. Jahrgangsstufe sowie dem Projekt-Kurs von Lehrerin Katharina Schibon darüber, wie sie als Jüdin die nationalsozialistische Schreckensherrschaft er- und überlebt hat. Organisiert hat den Vortrag Jessica Lüdecke. "Ich kann euch nur empfehlen, saugt jedes Wort in euch auf und stellt Frau Weyl hinterher Fragen", riet die Referendarin den rund 120 Schülern im Forum.

Eva Weyl ist seit vielen Jahren in den Schulen Deutschlands und der Niederlande unterwegs, um als eine der letzten Holocaust-Überlebenden junge Menschen zu "Zeitzeugen aus zweiter Hand" zu machen. "Wenn ich erzähle, bleibt etwas bei euch hängen. Das ist mehr, als ihr aus Büchern oder von euren Lehrern erfahrt", sagt die Zeitzeugin.

Bis 1934 betrieb ihr Vater ein Textilgeschäft in Kleve. Als eines Morgens zwei SS-Männer vor dem Geschäft ein Banner entfalteten mit der Anweisung "Deutsche kauft nicht bei Juden", erkannte er die Zeichen der Zeit und flüchtete in die Niederlande. Was heute so selbstverständlich klingt, war es damals keinesfalls. "Meine Großeltern haben im Ersten Weltkrieg für die Deutschen gekämpft, sie fühlten sich als Deutsche. Viele von uns haben damals gedacht: So schlimm wird es schon nicht kommen", erzählt Eva Weyl, die seit 1968 in Amsterdam lebt. Dabei waren die Ereignisse damals vorhersehbar und zwar mit dem Tag, an dem jüdische Bücher öffentlich verbrannt wurden. "Heinrich Heine hat schon 1820 gesagt: Wo man Bücher verbrennt, wird man auch Menschen verbrennen. Recht hatte er."

Eva Weyl schilderte eindrucksvoll, wie es zum Holocaust kam. Ergriffen erzählt die zweifache Mutter von der Wannsee-Konferenz. Aus ihren Worten klingt Ohnmacht und Fassungslosigkeit. "15 Männer waren daran beteiligt. Acht trugen einen Doktortitel, sie hatten alle Familie. Es gab leckeres Essen, man trank Cognac, ging spazieren und beschloss anschließend die Ermordung von elf Millionen Menschen." Weyl bezeichnet diese Konferenz als einzigartigen Akt in der Geschichte der Menschheit, der sich niemals wiederholen dürfe: "Es war die Industrialisierung des Mordes."

Vieles von dem, was Eva Weyl erzählte, ging weit über den Stoff des Geschichtsunterrichtes hinaus. So zum Beispiel, dass Hitlers Überfall auf die Juden in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, überall auf der Welt als Kristallnacht bekannt, nur in Deutschland Pogromnacht heißt. "Der Begriff stammt aus dem Russischen und bedeutet Verwüstung mit Mord", so Weyl. Am Schluss machte sie eine kurze Pause, als wolle sie ihren Zuhörern Gelegenheit geben, etwas zu begreifen, was nicht zu begreifen ist. "Jetzt wisst ihr, was an diesem Krieg so anders war als an allen Kriegen zuvor. Das darf nie wieder passieren!"

Quelle: RP
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