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Rheinberg
Ende einer Dienstzeit - ganz ohne Reue

Rheinberg: Ende einer Dienstzeit - ganz ohne Reue
Adrett bis zum letzten Tag: Hauptkommissar Wilhelm Giesen war 15 Jahre lang Leiter der Polizeiwache in Rheinberg. Ende September ist offiziell Schluss. FOTO: Christoph Reichwein
Rheinberg. Rheinbergs Wachleiter Wilhelm Giesen hatte gestern nach 44 Jahren bei der Polizei seine letzte Schicht. Der Hauptkommissar ist mit sich im Reinen: "Ich würde es wieder so machen." Künftig hat er mehr Zeit für seine Brieftauben. Von Erwin Kohl

"Wenn ich heute um 15.30 Uhr die Tür hinter mir zumache, wird das schon sehr emotional", sagt Wilhelm Giesen (65). Zwar wird der Polizeihauptkommissar offiziell erst am 29. September in den Ruhestand verabschiedet. Weil aber noch Überstunden und Urlaubstage zu Buche stehen, endete seine Dienstzeit bereits gestern. Insgesamt 44 Jahre Polizeidienst, 15 davon als Leiter der Rheinberger Wache, stehen in seiner Personalakte.

Die Entscheidung, Polizist zu werden, fällte der Sohn eines Landwirtes nach einem tragischen Ereignis. "Direkt vor unserer Haustür ereignete sich ein Verkehrsunfall mit mehreren Toten. Den Polizisten schien dieser Anblick nicht viel auszumachen, mir aber wohl. Von da an wollte ich Polizist werden und dafür sorgen, dass es nicht mehr so viele Verkehrstote gibt", erinnert sich Giesen.

Seine polizeiliche Laufbahn führte den Wahl-Rheinberger nach der Ausbildung zunächst nach Duisburg. Dort hatte er gleich zu Beginn ein einschneidendes Erlebnis. Giesen: "Gleich im ersten Nachtdienst habe ich einen Gaststätten-Einbrecher festnehmen können. Ich konnte danach vor lauter Stolz nicht einschlafen. Als ich am nächsten Abend wieder zum Dienst ging, kam mir der Mann entgegen. Da wurde mir bewusst, wie wichtig Demokratie ist."

Dass Kollegen immer wieder frustriert sind, wenn dingfest gemachte Täter vom Richter auf freien Fuß gesetzt werden, kann Giesen zwar nachvollziehen, er sagt aber auch: "Die Justiz darf Polizisten niemals davon abhalten, ihre Arbeit zu machen. In Deutschland gibt es Gewaltenteilung, und das ist auch gut so." Nach fünf Jahren in der Einsatzgruppe Kriminalitätsbekämpfung bekam Giesen Ende 2002 das Amt des Wachstellenleiters in Rheinberg übertragen. "Damals war die Stadt vom Handwerk geprägt, heute gibt es hier große Logistikbetriebe. Das wirkt sich auch auf die Arbeit der Polizei aus. Immerhin kommen dadurch rund 5000 Fahrzeuge mehr in die Stadt", sagt Giesen. Bei dem prägnantesten Erlebnis, an das er sich erinnert, ging es allerdings um Fahrräder: "Das war das Radrennen Sparkassen-Giro vor sieben Jahren. Es gab eine Unwetterwarnung. Ich habe die Veranstaltung während des Rennens beendet, was natürlich Unmut hervorrief." Kurz darauf fegte Sturmtief Olivia durch Rheinberg und sorgte für umgeknickte Bäume und überflutete Straßen.

Zu seinen schönsten Erlebnissen zählt der Polizist die Rosenmontags- und die großen Martins-Umzüge, auch wenn die innere Anspannung in den Tagen vorher enorm ist. Für Sicherheit sorgen, ohne Spielverderber zu sein, und das auch noch möglichst unauffällig: Eine Aufgabe, die laut Giesen nicht nur aufgrund eines starken Teams in der Polizeiwache Jahr für Jahr gemeistert wurde. "Das ging nur durch die außergewöhnlich gute Zusammenarbeit mit den ehrenamtlichen Rettungsdiensten. Allein, was Feuerwehr und DRK im Karneval geleistet haben, ist einmalig."

Obwohl Polizist aus Leidenschaft, sieht Giesen seinen Abschied auch mit einem lachenden Auge. Denn der Polizeiberuf sei in den letzten Jahren nicht leichter geworden. "Die Gefahrenlage ist heute eine andere, es gibt immer mehr religiös oder politisch motivierte Kriminalität." Entsprechende Ängste hatten einige Rheinberger mit der ersten Flüchtlingswelle und später bei der Schaffung der Zentralen Unterbringungseinrichtung (ZUE) in Orsoy.

Ein Thema, zu dem Giesen energisch Stellung bezieht: "Selbstverständlich bringt das für uns mehr Präsenzaufgaben mit sich, aber in Orsoy und den anderen Flüchtlingsunterkünften gibt es nicht mehr Straftaten als beispielsweise in der Reichelsiedlung. Wir haben mit Flüchtlingen keine negativen Erfahrungen gemacht."

Für Wilhelm Giesen schließt sich ein Kapitel. Der Pensionär wird viel Zeit für seine geliebten Brieftauben haben. Sein Fazit nach 44 Jahren Polizeidienst: "Ich würde es wieder so machen und bereue nichts."

Quelle: RP
 
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