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Alpen
Heier Chronik mit Vorwort vom Räuber

Alpen. Die Bönninghardt ist zweifellos ein Dorf der Superlative. Der Alpener Ortsteil dürfte mit einer Ausdehnung von rund fünf Kilometern nicht nur das längste Dorf am Niederrhein, sondern 46 Meter über dem Meeresspiegel liegend auch die höchste Siedlung bis zur niederländischen Nordseeküste sein. Von Erwin Kohl

Ein Umstand, den sich die Heier augenzwinkernd zunutze machten, als es um die Titelfindung der ersten Bönninghardter Heimatchronik ging. Die ist vor wenigen Wochen im Ahlener Anno-Verlag erschienen und trägt den selbstbewussten Untertitel "Leben auf dem Höhepunkt".

Scherzhaft behaupten die Heier im Klappentext sogar, bei einem drohenden Hochwasser Auffangbecken oder gar die Cap Anamur für die umliegenden Dörfer Veen, Menzelen und Alpen zu sein. Der Heier hat Humor und das muss er wohl auch. Denn immerhin war der berühmteste Mensch, der jemals in dem Bergdorf lebte, ein Verbrecher und Mörder. Den Heiern ist das egal, sie mögen ihren Räuber Wilhelm Brinkhoff, den "Schinderhannes vom Niederrhein", lassen ihn sogar eines von drei Vorworten sprechen.

"Da Brinkhoff weder lesen noch schreiben kann, wurde das Vorwort von Herbert Oymann aufgeschrieben", heißt es am Ende augenzwinkernd. Die weiteren Einleitungen stammen aus der Feder der beiden Herausgeber Tim Michalak und Marc Torke. "Wir wollten etwas schaffen, in das man eintaucht und für einige Minuten den Alltag verliert, in dem man sich an Erinnerungen und Dönekes erfreut und sie mit lieben Menschen teilt", erklärt der auf der Bönninghardt aufgewachsene Torke.

Der Radiomoderator erinnert sich noch an die Ratlosigkeit im siebenköpfigen eigens für das Buchprojekt gegründeten Steuerkreis: "Als wir uns das erste Mal getroffen haben, haben mich alle angesehen und gefragt: Was soll denn da rein? Das bestimmen wir, habe ich gesagt. Und schon ging's an die Themenauswahl." Insgesamt sind auf diese Weise 15 kurzweilige Kapitel entstanden, die einen Querschnitt des Dorflebens abbilden.

Geschrieben ausnahmslos von Bönninghardtern für Bönninghardter und alle, die sich für diesen schönen Ort interessieren. Für eine lebhafte Gestaltung ihrer Berichte haben die Heier einiges auf sich genommen. Vanessa Jargon zum Beispiel wollte nicht einfach nur über die Plaggenhütte schreiben, sondern das Gefühl der Menschen vermitteln, die damals in einer Behausung aus Grassoden und Lehm gelebt haben. Dafür hat die Bönninghardterin mit Tochter Chantal in der Plaggenhütte übernachtet, Mäusen und Mücken getrotzt. Dass gestrenge Deutschlehrer bei der Lektüre übrigens die eine oder andere sprachliche Ungenauigkeit entdecken könnten, wurde von Lektor Tim Michalak bewusst in Kauf genommen. "Es wurde sehr schnell deutlich, dass keine erfahrenen Autoren an dem Buch schreiben, sondern Heier und Dorfvertreter, die ihren Verein, ihre Erinnerungen oder ein Projekt vorstellen, das ihnen am Herzen liegt", so der Xantener.

"Uns war es aber ganz wichtig, dass die Sprache der einzelnen Autoren unverfälscht rüberkommt."

Dieses Konzept sorgt für abwechslungsreiche Kapitel, die zum Teil in lockerem Plauderton verfasst sind und auf diese Weise den besonderen Charme der Heier einfangen. Ein gutes Beispiel dafür ist die von Gudrun Tebart verfasste Geschichte "Wir Kinder von der Dachpappenfabrik" - eine wunderschön erzählte Geschichte von der Bönninghardt in den fünfziger und sechziger Jahren. Aufgelockert werden die einzelnen Kapitel durch zahlreiche aussagefähige Bilder, die manchmal aus dem Archiv stammen, meistens aber aus dem prallen Heier Dorfleben.

Neben Anekdoten erfährt der Leser auch viel Wissenswertes über Alpens Höhepunkt. Etwa, dass der kleine Ortsteil nie eigenständig war, sondern mal zu Issum, mal zu Sonsbeck oder Kamp gehörte und im 12. Jahrhundert sogar ein Ortsteil von Borth war. Auch das Platt der Heier kommt zu Wort. Klar doch. Über Geschichten wie "Minne Blagentitt" von Christel Tinnefeld oder Herbert Oymanns "Tugetrockene und Ingegtraude" dürften sich vor allem die älteren Heier amüsieren. Mit der "HEI-Mat-Chronik Bönninghardt" ist Herausgebern und Autoren ein abwechslungsreiches und nicht nur für Bönninghardter lesenswertes Buch gelungen.

HEI-Mat-Chronik Bönninghardt, Anno-Verlag, 134 Seiten, 14,95 Euro Erhältlich im Buchhandel sowie im Restaurant Burgschänke, Salon Kohl (Alpen), Gaststätte Heidehof, Gaststätte Thiesen, Büdchen Kinderspielplatz (Bönninghardt)

Quelle: RP
 
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