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Rheinberg
In Rheinberg gab es eine "verkehrte Welt"

Rheinberg: In Rheinberg gab es eine "verkehrte Welt"
Werner Kehrmann mit Wirtin Fränzi Bröcking vor der Gaststätte "Punto" an der Gelderstraße. Der alte Name "Im roten Hahn" soll bald wieder auf der Fassade zu lesen sein. FOTO: Fischer, Armin (arfi)
Rheinberg. "Im wilden Mann" oder "Im roten Hahn": Werner Kehrmann ermittelt seit zwei Jahren die historischen Namen alter Rheinberger Häuser. Von Uwe Plien

In der Weihnachtsgeschichte spielt die Herberge mit der Krippe eine wichtige Rolle. Die Herberge, das Haus, steht für Sicherheit, Schutz, Wärme und Geborgenheit. Der Rheinberger Heimatkundler Werner Kehrmann befasst sich mit Häusern in der Stadt. Genauer gesagt: mit den historischen Namen der alten Gebäude. In erster Linie geht es dem 67-Jährigen darum, dass die früheren Bezeichnungen nicht verloren gehen.

Das Haus de Anwaltskanzlei an der Rheinstraße heißt "Im Anker". FOTO: Fischer, Armin (arfi)

Kehrmann, der auch 2. Vorsitzender des Rheinberger Heimatvereins ist, hat zudem etwas anderes im Sinn: "Häusernamen können als Qualitätsadresse genannt werden, die sich blitzschnell einprägt. Solche Eigennamen sind immer ein Werbepunkt erster Güte. Der ,Weiße Rabe', das Haus von Herrn Aumund am Großen Markt, kennt jeder in der Stadt. Und in vielen großen Städten suchen Investoren nach ungewöhnlichen Namen für repräsentative Häuser. Wir haben diese Namen, wir müssen sie nur einsetzen."

Als Grundlage für seine Recherchen hat der Pensionär unter anderem auf Heinz Janssens Schrift "Rheinberger Häusernamen" von 1995 zurückgegriffen. Werner Kehrmann hofft, viele Hauseigentümer dazu bewegen zu können, dass sie die alten Namen wieder an die Gebäude schreiben. Rund 100 Namen hat er ausfindig gemacht, viele Eigentümer hat er bereits in der Hoffnung angeschrieben, an weitere Informationen zu kommen.

Das Haus "Zum Kölner Dom" am Großen Markt ist gerade erst frisch renoviert worden. FOTO: Fischer, Armin (arfi)

Und er hat schon einige auf seiner Seite. Rechtsanwalt Ulrich Rust zum Beispiel. Rust ist Miteigentümer der Anwaltskanzlei an der Rheinstraße. "Im Anker" hieß das Haus früher - heute steht der Name gut leserlich auf der Fassade. Ein anderes Rust-Gebäude, das frühere Schlecker-Haus an der Gelderstraße, soll nach der Sanierung wieder "Zum vergoldeten Spiegel" heißen.

Auch Fränzi Bröcking, Inhaberin der Gaststätte "Punto" an der Gelderstraße, möchte mitmachen. "Wenn wir das Haus beim nächsten Mal neu streichen, soll der historische Name berücksichtigt werden. Ich finde das gut", sagt sie. Das "Punto" hieß einst "Im roten Hahn". Werner Kehrmann hat herausgefunden, dass dort schon 1662 eine Gastwirtschaft bestand. In Rheinberg sei keine ältere bekannt, sagt er. Folgende Inschrift war ins Fenster eingraviert: "Trink ich Wasser so sterb ich/Trink ich Wein so verderb ich/Trink ich Bier so werd ich toll/Ich weiß nicht was ich trinken soll/viel lieber Wein trinken und verderben/als ich soll Wasser trinken und sterben".

Kehrmann geht es auch die Bedeutung der Namen. "Bei den ältesten namensrechtlichen Bestimmungen geht es um Liegenschaften, um Renten und Zinsen, nicht um Menschen, die in den jeweiligen Häusern ständig aus- und einzogen. Der Mensch blieb im Mittelalter im Schnitt nur vier bis fünf Jahre in einem Haus oder an einem Ort. Im kriegerischen Rheinberg war die Zeit noch gravierend kürzer."

Ein bekanntes Beispiel ist das Haus "Zu den 3 Fischen" an der Underbergstraße. Dort stand einst das Geburtshaus des großen Gelehrten Amplonius Rating de Berka. Kehrmann: "Einer der Vorbewohner gab dem Haus vermutlich den Namen. Die Häusernamen sind also älter, die Eigentümer oder Mieter kamen und gingen, der Name blieb."

Kehrmann verweist auf viele, teils skurrile Häusernamen und weiß viele Geschichten dazu. Das Gebäude der Buchhandlung Schiffer-Neumann am Holzmarkt trug den Namen "Im wilden Mann" (er soll bald zu lesen sein), das der Tierärztin Dr. Kaufmann an der Orsoyer Straße "Im Ritter St. Joris", der Wohnsitz der Familie Eckhardt (Orsoyer Straße/Kattewall) war "In der weißen Lilie"; der Name könnte auf ein Rittergeschlecht zurückgehen. Denn dort lebte einst Familie Laak. "Gleichzeitig ist in Rheinberg ein Ritter van Laak vermerkt", so Kehrmann. "Vielleicht hängt das zusammen."

In Rheinberg gab es auch eine "verkehrte Welt" - das Haus Gelderstraße 26. Im Mittelalter befand sich dort eine Gaststätte. Kehrmann: "Das Thema, die verkehrte Welt, ist ein uraltes Menschheitsproblem. Alles wird ins Gegenteil verkehrt, vor allen Dingen im Karneval. Man will etwas anderes sein und darstellen - eine verkehrte Welt eben."

Nun hofft der Rheinberger, dass die Resonanz auf sein Projekt weiterhin so gut ist wie bisher.

Quelle: RP
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