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Gelebte Integration
Alpen liebt seine Flüchtlinge

Integration: Alpen liebt seine Flüchtlinge
Patrick Depuhl und seine Frau Judy Bailey (links mit Gitarre) musizieren mit den Flüchtlingen. Sabine Holert-Drewicke von der Flüchtlingshilfe und Bürgermeister Thomas Ahls (rechts) singen gerne mit. FOTO: Christoph reichwein
Alpen. In der 12.000-Einwohner-Gemeinde am Niederrhein soll sich niemand fremd fühlen. In Alpen wird nicht nur über Integration gesprochen, dort wird sie gelebt. Man singt, lacht, grillt, feiert und baut sogar gemeinsam Spargel an. Von Christian Schwerdtfeger

Wenn es das Wetter zulässt, fährt Thomas Ahls mit dem Fahrrad ins Rathaus, weil er so mehr vom Leben in seiner Gemeinde mitbekommt, als wenn er das Auto nimmt. Vor kurzem trifft der Bürgermeister von Alpen auf dem Weg in seine Amtsstube ein junges Mädchen am Straßenrand, das auf einem Fahrrad sitzt und wartet, bis die Autos vorbeigefahren sind. Die Kleine trägt einen Schutzhelm auf ihrem Kopf und hat einen Ranzen auf ihren Rücken geschnallt.

Sie lächelt Ahls an und sagt "Guten Tag". Der Bürgermeister, der kurz stehen bleibt, grüßt zurück, als sie ihr Fahrrad an ihm vorbeischiebt. Ein scheinbar ganz alltäglicher Moment, der in Deutschland aber eigentlich alles andere als das ist. Denn das Mädchen ist ein Flüchtlingskind, das erst wenige Monate in der Bundesrepublik lebt. Sie geht aber schon zur Schule, kann Fahrrad fahren und noch wichtiger: Sie spricht bereits sehr gut Deutsch. "Das zeigt mir, dass wir das Richtige tun", sagt Ahls.

"Wir freuen uns"

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In Alpen, einer rund 12.000 Einwohner zählenden Kleinstadt zwischen Rheinberg und Xanten, freut man sich über jeden Flüchtling, der kommt, weil man ihn nicht als Problem betrachtet. Jeder Einzelne wird als Chance verstanden. "Und als Mensch gesehen", betont Patrick Depuhl. Er leitet die Flüchtlingshilfe im Ort. "Wir freuen uns, dass Menschen aus aller Welt bei uns sind."

Die Flüchtlinge sind willkommen. Und sie sind integriert, die meisten jedenfalls der derzeit 270 Menschen aus Afghanistan, Eritrea, Nigeria, Mazedonien, Albanien, Syrien und dem Iran, die in Alpen vorläufig ein neues Zuhause gefunden haben. "Unsere Philosophie ist mehr als eine reine Willkommenskultur", sagt Depuhl. "Wir gehen einen Weg des Entgegenkommens."

Und das sind nicht nur bloß Worthülsen, wie man sie in der Flüchtlingskrise vielerorts zu hören bekommt. In Alpen gibt es ein klares Konzept, den sie Fünf-Punkte-Plan nennen. Zunächst werden die Flüchtlinge empfangen (oft mit einem Begegnungsfest). Dann hilft man ihnen bei den Behördengängen. Es folgen Deutschkurse und Veranstaltungen, in denen den Neuankömmlingen die heimische Kultur näher gebracht wird. Ist das erledigt, werden sie in die Dorfgemeinschaft integriert, indem man sie ins Vereinsleben einbindet. Die Männer spielen Fußball bei Viktoria Alpen und Borussia Veen.

Im Alpener Amaliencafé treffen sich jeden Freitagabend Flüchtlinge und Einheimische zum gemeinsamen Musizieren. Sogar eine eigene CD hat der "Chor der Begegnungen" schon aufgenommen. Man organisiert Fahrradtouren und grillt gemeinsam. Demnächst bekommen die Flüchtlinge ein Feld zur Verfügung gestellt, auf dem sie Obst und Gemüse anbauen können. Beim örtlichen Spargelfest haben sie vor kurzem einen eigenen Stand gehabt. Schließlich, wenn sie fest ins Gemeindeleben integriert sind, werden sie in die Arbeitswelt vermittelt. "Der Weg in ein selbstständiges Leben ist dann geebnet", sagt Depuhl.

"Kurze Wege"

Dass alles so gut funktioniert, liegt auch an den kurzen Wegen in der Gemeinde, schnellen, unbürokratischen Absprachen im Rathaus. In Alpen kennt quasi jeder jeden. Depuhl erzählt als Beispiel vom Schulessen. Als man für die Flüchtlingskinder schnell andere Mahlzeiten benötigte, weil sie aus religiösen Gründen manches nicht essen dürfen, hat sich die Gaststätte "Burgschänke", so etwas wie die gute Stube im Ort, sofort bereit erklärt, die Speisen zu liefern. "Ein Anruf bei uns genügt, um solche Probleme aus der Welt zu schaffen", sagt Depuhl.

Probleme? Natürlich, die gebe es auch manchmal in Alpen wie anderswo auch, sagt der Leiter der Flüchtlingshilfe. Aber nur das Übliche, nichts Schlimmes, nichts Handfestes, meint er. Lediglich Streitereien in den Unterkünften - meist wegen Platzproblemen oder wenn jemand mal zu laut schnarche. "Schlafen Sie mal in einer Halle mit vielen fremden Menschen nebeneinander", sagt Depuhl.

In fünf größeren Einrichtungen, darunter eine Tennishalle, sind die meisten Flüchtlinge untergebracht. Einige, meist Familien oder allein reisende Frauen, leben in Wohnungen. Aber die sind knapp in Alpen. "Wir würden gerne alle Flüchtlinge in Wohnungen unterbringen, aber die gibt es bei uns einfach nicht in der Menge, wie wir sie benötigen", sagt der Bürgermeister. Alpen könnte und würde auch noch mehr Flüchtlinge aufnehmen. Aktuell sei man für 400 Asylsuchende ausgelegt. Aber seitdem die Balkanroute dicht ist, kommen derzeit halt deutlich weniger von ihnen nach Deutschland.

Gute Lage

Alpen liegt verkehrsgünstig an der Autobahn 57. Es ist nicht weit bis nach Duisburg zum Hafen; und auch die Niederlande sind nur wenige Autominuten entfernt. Darum sind viele Unternehmen in der Gegend angesiedelt. Und die suchen - wie anderswo auch - Fachkräfte. Ahls organisiert deshalb Treffen mit örtlichen Betrieben. Er will den Firmenchefs Anreize schaffen, damit Asylsuchende bei ihnen eine Qualifizierung erwerben, vielleicht auch dort eines Tages fest arbeiten können. Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren bekommen Plätze in Berufskollegs angeboten.

Manche sagen, Alpen sei langweilig. Ein Dorf, in dem besonders für junge Leute nicht viel los sei. Dem würde der Bürgermeister zwar nicht zustimmen, aber ganz von der Hand zu weisen sei das auch nicht. "Viele Freizeitmöglichkeiten gibt es wirklich nicht", sagt Ahls. Abends sieht man kaum einen Menschen auf der Straße. Darum fallen die Flüchtlinge auch besonders auf, wenn sie in der Gemeinde spazieren gehen, auf Bänken sitzen, lachen, sich laut unterhalten, rauchen und Selfies von sich machen. Aber das stört niemanden. Anwohner, die in solchen Fällen um Ruhe bitten oder gegen Flüchtlinge protestieren, gibt es nicht. In der Gemeinde ist kein rechtsradikaler Vorfall bekannt.

Trotz allem wollen viele Flüchtlinge nicht auf Dauer in Alpen bleiben. Denn Alpen sei halt Alpen und nicht Köln, Düsseldorf oder Duisburg, sagt Ahls. Ein Dorf eben. Keine Großstadt, in die es aber die meisten Flüchtlinge ziehe, weil sie dort oft Verwandte, Freunde und Bekannte haben. Ahls ärgert das aber nicht. So mache es ja auch die heimische Jugend. Damit müsse man leben. Und das tut man in Alpen ganz gut.

Quelle: RP
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