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Alpen
Kirchenkonzertder Gegensätze

Alpen: Kirchenkonzertder Gegensätze
Das Collegium vocale unter der Leitung von Willem Winschuh war zu Gast in der St.-Ulrich-Kirche in Alpen. FOTO: Armin Fischer
Alpen. Ein mitreißendes Konzert erlebten Besucher der Pfarrkirche St. Ulrich. Dem Abendgebet der anglikanischen Kirche folgten Gänsehaut geeignete Werke und Winschuhs bedrohlich wirkende "Litanie". Von Eva Karnofsky

Pfarrer Dietmar Hehse konnte für das Abendgebet einen ganz besonderen musikalischen Genuss ankündigen - das Collegium vocale aus Wesel unter der künstlerischen Leitung von Willem Winschuh war erstmalig zu einem "konzertanten Evensong" in die Pfarrkirche St. Ulrich gekommen. Trotz des schönen Wetters hatten sich 70 Besucher eingefunden, und sie wurden mit einem Konzert belohnt, wie es nicht alle Tage geboten wird.

Der Evensong ist das traditionelle Abendgebet der anglikanischen Kirche. Windschuh charakterisiert ihn als eine Mischung aus Vesper und Komplet. Für die Aufführung in St. Ulrich hatte der Regionalkantor des Bistums Münster die im Evensong übliche Lesung allerdings durch Motetten ersetzt. Lediglich in der Homilie richtete Pfarrer Hehse einige Worte an die Gemeinde.

Winschuh hatte sämtliche Stücke des Evensongs so ausgewählt, dass sie zum Thema "Abschied und Wiederankunft" passten, und auch Hehse ging darauf ein. Schließlich stehen die Ferien bevor. Da heißt es für viele, für ein paar Wochen Abschied nehmen von Zuhause. Das Besondere an dem Konzert war nicht nur die musikalische Qualität der Darbietung, sondern vor allem auch die Vielfalt.

Im Vordergrund stand beim Konzert der Chorgesang des Collegium vocale an St. Mariä Himmelfahrt Wesel. Die 35 Singenden kamen bis zu achtstimmig daher, mal mit Klavier- oder Orgelbegleitung, mal a-capella, aber immer sicher und stimmgewaltig. Winschuh hat den Chor 1979 gegründet, und längst kann er es mit Profis aufnehmen.

Es wurden deutsche und englische Lieder gesungen, wobei die ältesten Melodien aus dem 16. Jahrhundert stammten, zum Beispiel die Vertonung von "If ye love me" aus dem Johannes-Evangelium von Thomas Tallis (1505 - 1585). "Meine Seele preist die Größe des Herrn" dagegen stammt von dem zeitgenössischen Komponisten Alan Wilson.

Einer der Höhepunkte des Abends war Georg Friedrich Händels "Meine Seele hört im Sehen", ein Stück für Solo-Sopran, Traversflöte und Orgel. Sopranistin Anne Wefelnberg, Organistin Annegret Walbröhl und Flötistin Monika Seiler stellten eine Klangharmonie her, die Gänsehaut geeignet war. Seiler spielte die Traversflöte, eine alte Querflöte aus Renaissance-Zeiten, ebenso feinfühlig wie später die Alt-Blockflöte im "Adagio", bei dem sie diesmal von Alpens Kantorin Walbröhl auf dem Klavier begleitet wurde. Das Stück hat Winschuh eigens für Monika Seiler geschrieben.

Kaum war Händel verklungen, schreckten die Zuhörer auf, wurden sie fast gewaltsam aus der harmonischen Stimmung gerissen: Die Kirche erzitterte, das Gestühl vibrierte. Angst, Bedrohung - so der erste Gedanke. Annegret Walbröhl lag fast mit dem gesamten Oberkörper auf der Orgel, entlockte ihr eine ungekannte Lautstärke. "Litanie", hat Komponist Willem Winschuh diese Toccata genannt, die er schrieb, nachdem er in Amsterdam im Anne-Frank-Museum das Monument "Der zersplitterte Himmel" gesehen hatte. Er wollte damit seinen Protest ausdrücken - gegen Vorurteile, gegen Krieg. Während er das Stück schrieb, so sagte er, hatte er Bertold Brechts Gedichtzeile aus "An die Nachgeborenen" im Kopf: "Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten". Am Schluss jedoch wichen Angst und Schrecken, und die Toccata kehrte fast zu Händel'scher Harmonie zurück.

"Eine Orgel so zu hören - das war außergewöhnlich", meinte Bernd Roes, der nur zufällig in die Kirche gekommen war. "Eine solche Qualität habe ich nicht erwartet", ergänzte Ehefrau Helene. Die Künstler wurden zu Recht am Schluss minutenlange mit "stehenden Ovationen" bedacht.

Quelle: RP
 
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