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Rheinberg
Leselust-Bücherei als lustiges Wartezimmer

Rheinberg: Leselust-Bücherei als lustiges Wartezimmer
Man sieht ihm an, dass er großen Spaß an seinen eigenen Erinnerungen hat: Hausarzt im Ruhestand Dr. Hans-Peter Schibol bei seiner Lesung in Orsoy. FOTO: Fischer, Armin (arfi)
Rheinberg. Der ehemalige Orsoyer Hausarzt Dr. Hans-Peter Schibol freute sich bei seiner ersten Lesung über ein ausverkauftes Haus. Mit Anekdoten aus seiner Praxiszeit sorgte er für einen kurzweiligen Abend. Von Sabine Hannemann

Der Orsoyer Bücherei-Verein Leselust hatte nicht damit gerechnet, schon kurz nach der Ankündigung ausverkauft zu sein. Eine zweite Lesung ist mit dem ehemaligen Orsoyer Hausarzt Dr. Hans-Peter Schibol bereits geplant. Seit einigen Jahren praktiziert er nicht mehr, aber seine lange Praxiszeit vor Ort lässt ihn nicht in Ruhe. Die Erlebnisse mit Patienten, ihren Erkrankungen und das Mitmenschliche über das Wartezimmer hinaus hatten in ihm eine folgenschwere Entscheidung reifen lassen. "Ich schreib das alles auf, das glaubt mir sonst keiner", meinte er zu Beginn der Veranstaltung, zugleich mit dem Hinweis auf eine anonymisierte Darstellung.

Rund 100 Seiten umfasst der Rückblick auf sein Berufsleben. Damit macht er auch eine Liebeserklärung an die Orsoyer, "die ich von Kindheit an kenne". In fast jedem Haus sei er gewesen. "Wo ich nicht war, davon wurde mir erzählt", meinte er augenzwinkernd. Ins Berufsleben am Niederrhein startete der gebürtige Kölner nach seiner Zeit an den Städtischen Krankenanstalten Lindenburg, die heute zum Kölner Uniklinikum gehören. "Ich hatte die Möglichkeit nach Düren oder ins Ruhrgebiet zu gehen", erzählte er im Plauderton. Zunächst bezog er in Duisburg mit seiner Frau Helga eine Wohnung. Die erste Bewerbung verlief so erfolgreich, dass er im Moerser Krankenhaus Bethanien am nächsten Tag schon den weißen Arztkittel anzog. Humorvoll und mit vielen Begebenheiten gespickt erlebte das Publikum, darunter ehemalige Patienten und Kollegen, seine ersten Berufsjahre, die ihn ans Orsoyer Marienhospital und zu den Nonnen führen sollten.

"Orsoy, das war für mich ein guter Start", meinte Schibol. Manche kuriose Begegnung erlebt er dort. So brachte ihn ein Röntgenbild zum Staunen, das durch optische Merkwürdigkeiten auffiel. Geröntgt worden war mit Hilfe des mobilen Röntgengerätes unter freien Himmel das Pferd des Schützenmajors. Wen scherten damals Kosten, Abrechnungsmodalitäten oder Krankenkassen? Schnell sei ihm klar geworden, in Orsoy gelte ein Lebensprinzip: "Man kennt sich, man hilft sich", so Schibol.

Nachdem in Orsoy der damals praktizierende Hausarzt verstorben war, regelte sich die Nachfolge wie von selbst. Mit Hans-Peter Schibol hatte Orsoy einen neuen Hausarzt. Zunächst zum Südwall und dann zur Kuhstraße kamen die Patienten. Zu den Standardformulierungen gehörten Fragen "Wat hab' ich" und "Wie kann dat denn?", die Schibol zunächst nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten pflegte. Nach entsprechend weitreichenden Erfahrungen bei Magen-Darm-Erkrankungen beschränkte er sich auf drei Antworten: "Das kann vom Salat kommen, Fliegen oder Viren!"

Sein Publikum nahm er mit zu Hausbesuchen bei älteren Damen. Schibol erläuterte die Handhabung von Naturalabgaben wie den erlegten Hasen im Fell zur Weihnachtszeit, den ihm die Jägerschaft schenkte. Aber auch Nachdenkliches hatte der Arzt im Gepäck, wenn er an Patienten und ihre Krankengeschichten erinnerte, deren Verlauf er trotz aller ärztlichen Kunst machtlos gegenüber gestanden hat.

Gelacht wurde, wenn Schibol an die brodelnde Orsoyer Gerüchteküche erinnerte. Etwa, als er mal aus dem Saunaclub neben seiner Praxis kam und dabei von Mitgliedern des Kirchenchores beobachtet wurde. "Leselust" bot eine Sprechstunde, die im Wartezimmer der Orsoyer Bücherei wie im Fluge verging. Dass daraus ein Buch werden sollte, stand für das Publikum fest. Denn Lachen ist die beste Medizin.

Quelle: RP
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