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Rheinberg
Luther-Spektakel schreibt Geschichte

Rheinberg: Luther-Spektakel schreibt Geschichte
Im Mittelpunkt des Musical-Spektakels der Creativen Kirche steht die Gerichtsverhandlung in Worms, in der Luther seine Thesen widerrufen soll und die anschließende Flucht auf die Wartburg. Wer hier historische Gewänder erwartet hatte, wurde enttäuscht. "Luther ist zeitlos und hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt", sagt auch Dieter Falk. In Rheinberg trägt Luther alias Frank Winkels ein schwarzes Kapuzenshirt unter einem Sakko. FOTO: Armin Fischer
Rheinberg. Nicht nur Komponist Dieter Falk war von den Aufführungen in der Rheinberger Stadthalle restlos begeistert, auch die jeweils 500 Besucher am Freitag- und Samstagabend zollten Musicalteam und Projektchor stehende Ovationen. Von Erwin Kohl

"Fantastisch, spektakulär, unglaublich." Beschreibungen wie diese waren nach den beiden Aufführungen des Luther-Pop-Oratoriums in der Rheinberger Stadthalle überall zu vernehmen, meist versehen mit dem Zusatz: "Und das in unserem kleinen Rheinberg."

Der war durchaus berechtigt, wie ein Blick ins Programmheft verdeutlichte. Denn alle Schauspieler zählen für sich zu den Top-Stars der Musical-Szene und Fernsehunterhaltung. Entsprechend groß war die Vorfreude: Jeweils 500 Besucher warteten am Freitag und am Samstag schon Stunden vor Beginn in langen Schlangen vor dem Rathaus. Die Spannung war auch bei dem 125-köpfigen Projektchor greifbar, der noch kurz vor der Premiere zur Generalprobe mit Dieter Falk antreten durfte.

Der Komponist zeigte sich von dem rundum in den Logen verteilten Chor begeistert: "Eigentlich wollte ich den Projektchor auf der Bühne haben, die ist dafür jedoch zu klein. Aber dann, beim Anblick der einheitlich gekleideten Sängerinnen und Sänger in den Logen dachte ich im ersten Moment, ich bin in der Semperoper." Pfarrer Uwe Klein, der das Luther-Oratorium gemeinsam mit Dirigent Michael Wulf-Schnieders nach Rheinberg geholt hatte, freute sich über einen weiteren Aspekt: "Der Projektchor besteht etwa zur Hälfte aus Protestanten und Katholiken, das ist gelebte Ökumene."

Es ging gleich mit einem Gänsehauterlebnis los: Eingestimmt vom glockenhellen Klang des 13-jährigen Giulio Riccitelli als kindlicher Luther und der sonoren Stimme des Sprechers Andreas Kammerzelt erklang aus den Logen rundherum der stimmgewaltige Opener "L-U-T-H-E-R", was im Anschluss für tosenden Applaus sorgte. Diese Stimmung sollte bis zum furiosen Finale gehalten werden.

Im Mittelpunkt des Musical-Spektakels der Creativen Kirche steht die Gerichtsverhandlung in Worms, in der Luther seine Thesen widerrufen soll und die anschließende Flucht auf die Wartburg. Wer historische Gewänder erwartet hatte, wurde enttäuscht. "Wir wollten kein Kostümspektakel inszenieren, weil das Thema so viele Bezüge und Parallelen zur heutigen Zeit aufweist.

Die Zinspolitik der Fugger etwa kann man durchaus mit der heutigen Bankenwelt vergleichen. Luther ist zeitlos und hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt", erläutert Dieter Falk. Dementsprechend war vom Staub der vergangenen 500 Jahre nichts zu spüren, im Gegenteil. Ein Papst in Jeans und mit Goldkettchen, ein Ablasshändler der katholischen Kirche in Glitzerjacke und ein selbstverliebter Kaiser, der Selfies mit dem Handy schießt, gaben der Aufführung eine erfrischend moderne Note.

Untermalt wurde das Ganze durch schnelle Gitarrenriffs, pulsierende Schlagzeug-Rhythmen und schmissige Songs. Auch wenn das zehnköpfige Ensemble ausnahmslos mit ausgezeichneter schauspielerischer Leistung und einer großen musikalischen Bandbreite überzeugte, stand natürlich ein Mann besonders im Mittelpunkt. "Ich habe Biografien gelesen, zahlreiche Verfilmungen angesehen.

Mir war es ganz wichtig, die Rolle des Martin Luther authentisch anzulegen, seine Zweifel und Ängste darzustellen", erklärt Frank Winkels, der schon mit dem ersten Auftritt überzeugt. "Hier stehe ich", singt er halb unter einem Kapuzenshirt verborgen und der Chor antwortet mit einem enthusiastischen "Amen".

Das Publikum klatschte nicht nur immer wieder den Takt mit, sondern wurde von den Schauspielern auch aktiv eingebunden, etwa als diese mit Sammelhüten durch die Reihen gingen und Ablassaktien anboten. Schnell wurde klar, worum es Kaiser und Beratern tatsächlich ging. Die standen mit Geldkoffern, dunklen Brillen und dicken Zigarren auf der Bühne und wetterten gegen Luther: "Seinetwegen bricht der Ablassumsatz ein, das darf nicht sein." Kirchliche Finanzpolitik im Zeichen des Kreuzes, köstlich.

Als Ensemble und Chor in einem Finale noch einmal alle Hits des Musicals anstimmten, erhob sich das Publikum und klatschte begeistert mit. Auch für Komponist Dieter Falk wird dieses Wochenende unvergesslich bleiben: "Nach der Abschlussvorstellung in Berlin am Reformationstag werden wir das Jahr Revue passieren lassen. Die Aufführungen in Rheinberg werden ganz sicher in unsere Geschichtsbücher eingehen.

Ich fand das supermutig und habe großen Respekt davor, dass eine Kleinstadt das stemmen konnte." Uwe Klein gibt den Dank direkt weiter: "Das wir das Luther-Oratorium hier aufführen durften, verdanken wir dem Mut und dem großen Vertrauen der beteiligten Presbyterien."

Quelle: RP
 
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