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Alpen
Mit Führerschein durchs soziale Netz

Alpen. Lebenhilfe-Werkstätten schulen ihre Mitarbeiter für einen selbstsicheren Umgang mit Facebook und WhatsApp.

Facebook, WhatsApp und Co. gehören längst zur Alltagskommunikation - auch für Menschen mit Handicap. Das eröffnet viele Möglichkeiten, bringt aber auch neue Herausforderungen mit sich. Streit durch Missverständnisse, Gerüchte und Cybermobbing gehören zu den Schattenseiten der sozialen Netzwerke. In einem Seminar in der Werkstatt der Lebenshilfe Unterer Niederrhein lernten die Teilnehmer nun den richtigen Umgang mit Social Media - und entwickelten Strategien zur Konfliktvermeidung. Unter ihnen waren auch Mitarbeiter aus der Veener Werkstatt.

WhatsApp ist eigentlich eine super Sache, findet Marie-Christin Roes. Die 20-Jährige arbeitet in der Verwaltungsgruppe der Reeser Werkstatt für behinderte Menschen und nutzt den Messenger-Dienst regelmäßig, um schnell mit ihrer Familie und ihren Freunden kommunizieren zu können. WhatsApp kann aber auch sehr grausam sein. Das hat die junge Frau am eigenen Leib erfahren, als sie in einer Gruppenunterhaltung von anderen Mitgliedern beschimpft und gemobbt wurde. Jetzt wüsste Marie-Christin gerne, wie sie sich vor Mobbing schützen und wie man Konflikte in den sozialen Netzwerken verhindern oder beilegen kann.

Gemeinsam mit acht weiteren Teilnehmern aus den Werkstätten der Lebenshilfe Unterer Niederrhein (LHUN) in Wesel, Rees und Veen machte Marie-Christin Roes jetzt beim zweitägigen Seminar "Selbstbestimmt im Netz" mit. Das Seminar ist ein Pilotprojekt, das Monika Wagner von der Konfliktberatung KMU Consulting aus Essen und Benjamin Freese vom Projekt PIKSL aus Düsseldorf gemeinsam durchführten. PIKSL verfolgt das Ziel, moderne Informations- und Kommunikationstechnologie für Menschen mit Behinderung zugänglich zu machen und weiter zu entwickeln.

"Wir merken, dass es in den Werkstätten immer wieder Streitereien gibt, die in den sozialen Netzwerken beginnen und in den Arbeitsalltag hineinreichen", berichtet Julia Grundmann vom Sozialen Dienst der Lebenshilfe. Warum sollte das in einer Werkstatt auch anders sein als beispielsweise in der Schule, wo das Konfliktpotenzial der sozialen Netzwerke ein Dauerthema ist. Deswegen soll das Seminar einerseits Vorbeugung leisten, um künftige Konflikte zu verhindern. Andererseits soll es die Teilnehmer fit und sicher im Umgang mit den sozialen Netzwerken machen, um mögliche Gefahren besser einschätzen zu können und Lösungsstrategien zu erlernen.

"Unser Ziel ist es, unseren Mitarbeitern die Teilhabe an der Gesellschaft zu erleichtern und ein selbstbestimmteres Leben zu ermöglichen. Dabei spielen die sozialen Netzwerke heute eine große Rolle", sagt Hermann Böink, der Leiter des Sozialen Dienstes der Lebenshilfe-Werkstätten. Das Seminar ist sehr praktisch ausgerichtet. Jeder Teilnehmer hat ein Tablet vor sich liegen, mit dem er sich in der gemeinsamen Facebook-Gruppe des Seminars angemeldet hat. In der Gruppe tauschen sich die Teilnehmer fleißig aus, posten und kommentieren. Das schafft Sicherheit im Umgang mit den sozialen Netzwerken und stärkt das Selbstvertrauen der Teilnehmer.

In den Gesprächen sensibilisieren die Seminarleiter die Gruppe auch für Risiken wie etwa den Verlust der Privatsphäre oder für Verstöße gegen Bildrechte. Immer wieder spricht die Gruppe auch ganz offen über vergangene Konflikte, Gerüchte und Missverständnisse, die ihren Anfang im Netz hatten. Wie man so etwas in Zukunft verhindern kann? Da erarbeiten die Teilnehmer eine ganze Menge hilfreicher Regeln: Höflich sollte man sein, auch wenn man seinen Gesprächspartner nicht vor Augen hat. Schimpfwörter sollten tabu sein. Und sobald ein Gespräch zu entgleiten droht, sollte man sich persönlich zusammensetzen und Personen hinzuziehen, die helfen können, den Streit beizulegen. "Das Seminar gefällt mir gut und man kann eine ganze Menge mitnehmen", sagt Marie-Christin Roes. Und vielleicht hilft das Gelernte auch im Alltag, Konflikte durch die falsche Online-Kommunikation zu verhindern.

Quelle: RP
 
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