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Rheinberg
Mit geschlossenen Augen im Raum der Stille

Rheinberg: Mit geschlossenen Augen im Raum der Stille
Der ukrainische Pianist Vadim Neselovskyi überzeugte mit technischer Brillanz und ausgeprägter Mimik. FOTO: Mertens
Rheinberg. Der ukrainische Pianist Vadim Neselovskyi ließ den Konflikt mit Russland dramatisch erklingen. Von Udo Spelleken

Wieder mal ist es den guten Kontakten des künstlerischen Leiters Matthias Goebel zu verdanken, dass der bekannte ukrainische Pianist Vadim Neselovskyi für eine Veranstaltung des MI-Jazz im "Raum der Stille" mit eigenen Kompositionen gewonnen werden konnte. Rund 50 Besucher freuten sich auf ein außergewöhnliches Konzert, das bereits im ersten Stück das außerordentliche Spiel und die brillante Technik des sympathischen Künstlers erkennen ließen.

Die Komposition "Krai" - russischen so viel wie Kreis, Ende, Grenze aber auch Weinen - beschrieb die dramatische Situation zwischen der Ukraine und Russland. Mit harten Anschlägen im Bass und chaotischer Unordnung in der rechten Hand erfährt der Zuhörer wie melodisch in folkloristischen Passagen und Moll-Stimmungen der Friede gestört ist. Die Bass-Dissonanzen unterstreichen die rhythmischen Eskalationen auf nur einem Ton, wechseln fragmentarisch in romantische Durchgänge und münden in bombastischen Akkorden.

Gleich darauf wird eine augenscheinlich kindliche Unbekümmertheit eingeholt vom Versuch, in die Normalität zurückzufinden. Resignation schleicht sich ein beim Versuch, Struktur und einen klaren Weg zu finden. Umso mehr verwundert das versöhnliche Ende.

Melancholisch leise und behutsam ging es weiter mit "Who is it?", einem Stück, das die innige Verbundenheit Neselovskyis mit dem Instrument demonstrierte. Mit ausgeprägter Mimik und meist geschlossenen Augen ließ er perlende Linien verspielt auf dem Kawai-Flügel ertönen. Mit konstanten arrhythmischen Bewegungen in der linken Hand, die sich nur kurz mit der umspielenden Rechten vereinen und dann wieder auseinanderdriften, war der "Winter" zu hören, bei dem sich übergreifende Hände die Töne regelrecht streitig machten.

In einer russischen Ballade, die zunächst beseelt verhalten begann, lotete Neselovskyi die Harmonien förmlich aus, um dann explosionsartig in chromatische Läufe zu verfallen, die - ehe sie richtig begonnen hatten - sich schon wieder verloren. Die Sinfonie in g-moll von Johann Sebastian Bach spielte der Pianist "so, wie ich das immer wollte." Er wechselte nach etwa 20 Takten in zeitgemäße Rhythmik. Das Publikum staunte, welch' moderne, aktuelle Harmonien zu hören waren. Das Werk "I hear Rhapsody" begann mit chromatischen Elementen und von der Dynamik abweichenden Akzenten. Fugenartig gesellte sich der Bass hinzu und deutete fragmental ein Thema an, unterbrochen von spitzfindigen Intermezzi. Einen abschließenden, besonderen Leckerbissen gab es mit der chromatischen Improvisation auf g-d-fis-h-gis-fis.

Quelle: RP
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