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Rheinberg
Obdachlos für einen Tag

Rheinberg. Für einen Tag haben Jugendliche der Klasse 9a des Amplonius-Gymnasiums auf der Straße gelebt. Den Selbstversuch haben sie im Rahmen des Schülerwettbewerbs politische Bildung gemacht. Obdachlosigkeit war dabei das Thema. Von Nicole Maibusch

Gerade in Großstädten gehören sie zum Stadtbild, oft ohne wirklich wahrgenommen zu werden: Obdachlose. Sie wandern mit ihren wenigen Habseligkeiten durch die Stadt, immer auf der Suche nach einem Schlafplatz für die Nacht. In den Fußgängerzonen und Einkaufsstraßen "schnorren" sie bisweilen Passanten an, um etwas Geld zu bekommen.

Doch wie geraten Menschen in diese Situation, wie sieht ihr Leben aus, und welche Möglichkeiten bieten sich, wieder in ein normales Leben zurückzufinden? Unter dem Titel "Hauptwohnsitz: Straße?!" hat sich die Klasse 9a des Amplonius-Gymnasiums im Rahmen des Schülerwettbewerbs zur politischen Bildung 2015 mit dem Thema Obdachlosigkeit auseinandergesetzt und es aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet.

Eine dieser Perspektiven ging den jungen Amplonianern unter die Haut: Sie wagten das Experiment, für einen Tag "Platte zu machen". Nur mit den eigenen Klamotten, einem Schlafsack und jeweils drei Euro ausgestattet, hat eine Gruppe von etwa sieben Schülern Ende November Obdachlosigkeit erlebt. Smartphone, Tablet und Co. blieben zu Hause. "Mit so wenig Geld auszukommen, ist unglaublich schwierig", erinnern sich Lena Müller und Laura Busch. Ein belegtes Brötchen, ein Kaugummi, ein Wasser - schon sei der Etat futsch. "Darüber müssen wir uns in unserem Leben keine Gedanken machen", erläutern die beiden die erste Herausforderung.

Die zweite Herausforderung kam mit Einbruch der Dunkelheit und zunehmender Kälte. Um sich warm zu halten, habe die Gruppe zunächst mit einem gefundenen Fußball gespielt. Doch eine Nacht ist lang. Als dann noch die Polizei Kontrolle fuhr, habe das schon für ein flaues Gefühl gesorgt, bestätigen Lena und Laura. "Die Aktion war mit den Eltern abgesprochen und fand im geschützten Rahmen statt - tagsüber in der Stadt, abends und nachts auf dem Schulhof", erläutert Thorsten Braun, seit zehn Jahren Lehrer für Deutsch und Sozialwissenschaften am Amplonius-Gymnasium.

Klar: Obdachlosigkeit "light" also. Aber seine Wirkung hat der Tag "auf der Straße" nicht verfehlt. "Wir verhalten uns jetzt vielleicht nicht anders, aber die Erfahrung im Hinterkopf schwingt nun immer mit", betont Lena.

Bei einem Besuch in Lühlerheim, einer Wohnungsloseneinrichtung in Schermbeck, sowie bei einer Caritas-Mitarbeiterin informierten sich die Neuntklässler zudem, wie und warum sich Menschen am Rande der Gesellschaft wiederfinden. "Es sind immer wieder dieselben Mechanismen", erläutern Alida Siewert und Zoe Kesic: Ein persönlicher Schicksalsschlag führe zur Arbeitslosigkeit, dann zur Wohnungs- und schließlich zur Obdachlosigkeit. Vielfach erschweren es Alkohol- und Drogenprobleme, dieser Spirale zu entkommen. "Es gibt Hilfe, die man in Anspruch nehmen kann", so die Schüler. Doch sie wissen: So einfach das klingt, ist es nicht. Das haben sie bei ihren Recherchen erfahren. Ob der in den Pappbecher geworfene Euro hilfreich ist, zweifeln sie an. Dennoch wollten sie helfen. Deshalb hat die 9a einen Kuchenverkauf gestartet. Der Erlös von 205 Euro kommt der Wohnungsloseneinrichtung in Schermbeck zugute.

Für ihre zum Thema gestalteten und eingereichten Zeitungsseiten hat die Klasse 9a unter mehr als 2800 Wettbewerbsbeiträgen einen Klassensatz Buchpreise erhalten. Natürlich haben sie sich darüber gefreut, doch viel wichtiger ist ihnen die Erfahrung: "Wir haben uns viel intensiver und kreativer mit einem Thema auseinandergesetzt als im Unterricht. Wir haben viel gelernt", lautet das Resümee der Schüler.

Quelle: RP
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