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Alpen
Osterspaziergang durch das Dorf Alpen

Alpen: Osterspaziergang durch das Dorf Alpen
Drei Stationen eines vorösterlichen Spaziergangs durch Alpen, auf den Tono Baranowski (l.) RP-Redakteur Bernfried Paus mitnahm: Der Geschichtsbrunnen an der Sparkasse (oben) verkörpert die vier Ortsteile und ihre einmalige Vergangenheit. Die Statue an der Ev. Kirche (r.) zeigt Kurfürstin Amalia, der ein Herz für Kinder nachgesagt wird. Die Kapelle (unten) steht an der Einmündung Zum Wald. FOTO: RP-Fotos Olaf Ostermann
Alpen. Tono Baranowski (74) zeigte RP-Redakteur Bernfried Paus das Dorf Alpen. Hier ist er geboren und fühlt sich Zuhause. Von Bernfried Paus

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche - So lautet der erste Vers in Goethes Gedicht (Faust I) über die Wonnen eines österlichen Spazierganges. Einen Bachlauf findet der Spaziergänger auch im österlichen Alpen, aber von Eis war in diesem schwächlichen Winter keine Spur. Dass es lohnt, sich in diesen launischen April-Tagen im Ort auf den Weg zu machen, hat die RP in Begleitung eines erfahrenen Wandersmannes erlebt: Tono Baranowski hat RP-Redakteur Bernfried Paus mitgenommen auf Spurensuche im Dorf, in dem er aufgewachsen und das ihm so ans Herz gewachsen ist. Der 74-Jährige ist Mitbegründer des Klubs "Die junge Alten". Der trifft sich einmal pro Woche zur "Rentnerwanderung" und schon 600 Mal in und um Alpen unterwegs.

Es ist gerade trocken, aber frisch. Die Wolkendecke am Himmel ist aufgebrochen. Aber der Frühling verweigert noch seine ersehnten Dienste. Es ist noch wenig Farbe im Ortsbild. Ausgangpunkt ist der alte Bahnhof, wo einst alle ankamen - Heimkehrer wie Besucher. Weiter geht's zur Motte, unter der im letzten Weltkrieg Bergleute einen verwinkelten Bunker gegraben hatten als effizienten Schutzraum für die Bevölkerung. Wir kommen zum Denkmal, das die Gemeinde an der weiß getünchten barocken Ev. Kirche einer Frau gesetzt hat, die so viel für die Alpener getan hat und der ein großes Herz für Kinder nachgesagt wird: Kurfürstin Amalia - eine stolze, freundliche Erscheinung muss sie gewesen sein, unten auf der Stufe hockt ein Mädchen und lächelt einer Schildkröte zu. Ein Bild das Geborgenheit ausdrückt.

Ein paar Schritte weiter öffnet sich der Blick in die zweite Reihe des Dorfes, der bis vor wenigen Tagen noch verbaut war. Die beiden alten Häuser neben der "Burgschänke" sind abgerissen, die Trümmer fast beseitigt. Kraftvolle Maschinen bereiten das Feld, auf dem ehrgeizige Hotelpläne reifen. Kräne drehen sich ein Stückchen weiter, wo die "Amaliengalerie oder das Ärztehaus" inzwischen imposante Form annimmt und erster Klinkerstein den nackten Beton schmückend verkleidet.

Daneben holen Bauarbeiter mühsam die Alpsche Ley ans Licht. "Hier habe ich als Kind gespielt", erzählt Tono Baranowski. Sein Elternhaus stand einen kurzen Steinwurf von hier "auf Eichenpfählen". Ihn haben die Schwierigkeiten beim Ausgrabungsprojekt nicht gewundert, sagt der Dorf-Wanderführer. "Aber uns hat ja keiner gefragt."

Der 74-Jährige nimmt mich mit auf die Reise in seine Kindheit. "Hier neben der Sparkasse stand das Haus meines Großvaters." Johann Jörissen war Kirchendachdecker, der sich selbst auf einem Brett per Seilzug dem Himmel ein Stück näher gezogen hat. Ein abenteuerlicher Arbeitsplatz, wahrlich nichts für stürmische Tage. "Wenn Opa auf St. Ulrich rumkletterte, ging meine Oma nicht ins Dorf", erzählt Tono Baranowski. "Sie konnte es nicht mit ansehen."

Am Geschichtsbrunnen vor der Sparkasse bleibt Zeit, für kurze gedankliche Abstecher in Alpens Ortsteile mit je ihrer je einmaligen Vergangenheit. An St. Ulrich vorbei geht's den Berg hoch. Doch zunächst bleibt Tono Baranowki an der Gaststätte stehen, die den schönen Namen "Zur Hoffnung" trägt. Er zeigt auf das silberfarbene Schild, dass "Nepicks" als Vereinslokal des Männergesangvereins (MGV) Martonair ausweist, der vor zwei Jahren 50-jähriges Jubiläum gefeiert hat.

Dem leiht der ehemalige Martonairer, heute Norgren, seit vielen Jahre seine Stimme. Baranowski erzählt vom "Historical" über den "Räuberhauptmann Brinkhoff", das der MGV zum 50. auf die Bretter gebracht und so das nahende Ende des Chores auf unbestimmte Zeit verscheucht hat. Der Räuber sei so fesselnd gewesen, dass sich danach ein Dutzend neuer Sänger angemeldet haben. Die sind nun dabei für Brinkhoff, Teil II zu proben, der im Herbst vorgestellt werden soll.

In der Kapelle am Fuß der Bönninghardt erinnert ein großes Kreuz mit Corpus an die Volksmission 1746, wie die Tafel sagt. Hier geht's in die neue Zeit: Der optisch gelungene Ausbau der Straße Zum Wald ist fertig, setzt die schicken Häuser noch besser in Szene. Ein Anwohner fegt penibel vor seiner Haustür. Baranowski kennt auch hier alte Geschichten: Hier habe einst das "Haus Übersee" derart im Schatten gestanden, dass der Keller ein beliebtes Lager für Bier gewesen sei.

Unten am Fuß des Weges nutzen Handwerker die Osterferien dazu, in der Grundschule neue Fenster einzusetzen. Einer der fünf Baranowski-Enkel geht hier in die vierte Klasse und wird "jeden Freitag" vom Opa abgeholt. Zu Fuß, versteht sich. Wieder auf der Lindenallee fällt der Blick auf den in der Frühjahrssonne glänzenden Lindenhof. Auch der ein Zeugnis für Familiengeschichte. Großonkel Jakob Jörissen hat hier einst hinterm Tresen gestanden.

Es hat zu regnen begonnen. Der Dorfwanderer führt durch verwinkelte Gassen zum Marienstift. Unterm Eingang zur Küche finden wir Schutz vor dem Schauer. "Hier ist wohl für die meisten von uns Endstation", sagt er- Für ihn hat einst alles hier begonnen. Im ehemaligen Krankenhaus hat er vor 74 Jahren das Licht der Welt erblickt. Den Eintrag in den Büchern haben ihm vor Jahren die Nonnen gezeigt.

Hier endet der Rundgang durch den Ort, dem Tono Baranowski so viele Geschichten entlockt, den er liebt. Goethe würde sagen: "Hier bin ich Mensch, hier darf ich's sein".

Quelle: RP
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