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Alpen
Prophetische Impulse - das zählt

Alpen: Prophetische Impulse - das zählt
Pfarrer Dr. Hartmut Becks sagte seinem Gast René Schneider (rechts), dass die Gewissheit, bei Gott in guten Händen zu sein, den Menschen entlaste, alles selbst machen zu müssen. FOTO: Arnulf Stoffel
Alpen. Wenn Politik auf Kirche trifft: SPD-Landtagsabgeordneter René Schneider sprach auf seiner Sommertour in der Evangelischen Kirche Alpen mit Pastor Dr. Hartmut Becks über Gott und die Welt. Von Bernfried Paus

Kirche und Politik haben Schnittmengen. Das war die Botschaft, die der SPD-Landtagsabgeordnete René Schneider auf seiner Sommertour durch den Wahlkreis jetzt an der Station Alpen mit auf den weiteren Weg nahm. Auf dem geht er religiösen Fragen nach, die so viele Antworten zulassen, "woran wir glauben". In der ältesten reformierten Kirche Deutschlands traf der Suchende den evangelischen Pastor Dr. Hartmut Becks. Und der blieb keine Antwort schuldig.

Gleich zu Beginn des spannenden Gesprächs zwischen dem Theologen und dem Genossen fiel das große Wort von der Revolution. Becks klärte den Besucher darüber auf, dass das frühbarocke, nicht nach Osten ausgerichtete Baudenkmal "eigentlich gar keine Kirche", nicht Sakralbau, sondern Versammlungsort der Gemeinde sein sollte. Als solcher sei er ein "Ort der Demokratie", erläuterte der Pfarrer dem Parlamentarier.

Der frühe Baumeister habe auf Stufen verzichtet, damit sich im Gotteshaus "alle auf Augenhöhe begegnen" - und das scho in einer Zeit, in der in der Gesellschaft der Stand eine Menge, eigentlich alles galt. Dass die Kanzel erhöht ist, sei kein absolut Widerspruch, erläuterte der Pfarrer: "Das Wort Gottes steht über allem."

Der Pastor sei zur Verkündigung von der Gemeinde gewählt und autorisiert - dabei durchaus nicht unabhängig von politischen Strömungen und Mehrheiten. Das gewählte Presbyterium könne ihn jederzeit entlassen. Becks erinnerte in dem Zusammenhang an Pastor Johann Heinrich Schmitz. Der hatte es in den 30er Jahren gewagt, Adolf Hitler von der Kanzel einen Verbrecher zu nennen. Das ging dem Presbyterium damals zu weit. Es jagte ihn fort. Schmitz landete schließlich im KZ Dachau, das er überlebt hat.

Ob so viel Basisdemokratie nicht auch eine Last sei, wollte der hörende Sozialdemokrat wissen. "Freiheit", so die Antwort des streitbaren Theologen, sei "Bürde in Würde." Es sei "ehrlicher", Mehrheiten in Kontroversen zu finden als von oben nach unten durchzuregieren. Becks sagte, dass die Evangelische Kirchengemeinde mit 4000 Gliedern im mehrheitlich katholischen Alpen "durchaus eine Macht" sei. Mit gut 100 Gläubigen sei seine Kirche, die 370 Plätze bietet, sonntags gut gefüllt. Zu Weihnachten würde es ziemlich eng, dann kämen mehr als 500 Leute in den Gottesdienst.

René Schneider war neugierig zu erfahren, wie es der Kirche gelinge, Menschen zu erreichen. Eine säkularisierte Gesellschaft sage noch nichts über den Glauben aus, denkt Becks. Er sehe durchaus "ein Bedürfnis nach Religion". Die Stimme der Kirche habe immer dann eine Chance, Gehör zu finden, "wenn sie nicht hinterherhinkt, sondern mutig vorangeht und prophetische Impulse setzt". Es gehe darum, Veränderungen wahrzunehmen, genau hinzugucken. "Nicht jede Veränderung ist zwangläufig auch gut." Vieles lohne sich zu bewahren. "Konservativ muss nicht schlecht sein", so Becks zum SPD-Politiker.

Dann fällt der Blick nach oben auf die Orgel. Der Orgelbauer hat der Gemeinde ein Vermächtnis hinterlassen, das in lateinischer Sprache ins Eichenholz gestanzt ist: "Futura contemplans beateus". Becks übersetzt frei in Anlehnung an die neutestamentliche Bergpredigt: "Selig der Mensch, der Ewigkeit hat." Die Gewissheit, bei Gott gut aufgehoben zu sein, entlaste den Menschen auf Erden vom Druck, "alles selbst machen zu müssen".

Der Politiker hakt nach. Ob es noch zeitgemäß sei, über das nachzudenken, was über die Gestaltung der Welt, über das politisch Machbare, hinausgeht. Da wird der Pastor bestimmt: "Ich kenne keinen Menschen, der sich nicht mit Transzendenz auseinandersetzt. Sonst könnten wir nicht leben." Wer's nicht tue, dem würde er ins Gesicht sagen: "Lass Dich behandeln." In der Kirche gehe es um Authentizität, sie müsse für Menschen ein Ort sein, "wo es um Wahrheit geht".

Kurz kommt die Rede auf Kurfürstin Amalia, Stifterin der Kirche, "eine taffe Frau", die viel bewegt hat im Ort. Das Gespräch kommt auf die hohen Fenster, die viel Licht reinlassen in den Kirchenraum, der in reformatorischer Tradition bilderlos ist. Die Kargheit sei beredt, so sagt's der Pastor seinen Konfirmanden: "Alles, was ihr nicht seht, ist von Bedeutung." Ein Merksatz für die Politik.

Quelle: RP
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