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Rheinberg
Orsoy nach der Absage des Rosenmontagszugs

Reaktionen auf Flüchtlinge in Orsoy
Reaktionen auf Flüchtlinge in Orsoy FOTO: RP
Rheinberg. Markus Jansen, Leiter der Zentralen Unterbringungseinrichtung (ZUE) im Rheinberger Ortsteil Orsoy ist im Urlaub von der Nachricht überrascht worden, dass der Rosenmontagszug im Rheinstädtchen unter anderem mit dem Hinweis auf unkalkulierbares Konfliktpotenzial mit Flüchtlingen abgesagt worden ist. Von Bernfried Paus

Jansen unterbrach seine Ferien am Freitag für ein paar Stunden, um seinem Team und den derzeit rund 200 Asylbewerbern in der Einrichtung wegen der aufwühlenden Ereignisse beizustehen, die weit in die Republik ausstrahlen. Seine Einrichtung für Medienvertreter ist am Freitag verschlossen, auch Bewohner wollten sich nicht öffentlich äußern.

Jansen selbst stellte sich im Gespräch mit der Rheinischen Post vor seine Schützlinge: "Mir ist sehr daran gelegen, dass die Bewohner nicht zum Spielball gemacht werden. Die haben zu der Entscheidung, den Karnevalszug abzusagen, nicht das Geringste beigetragen". Die Entscheidung, die ihn "sehr verwundert" habe, müssten der Karnevalsverein 1. OKK 99, Stadt und Polizei verantworten, sagt der Einrichtungsleiter.

Er berichtet davon, dass die Flüchtlinge über Fernseh-Bilder sehr wohl mitbekommen hätten, dass in Orsoy im Zusammenhang mit der Unterkunft Dinge im Gange seien, die mit ihnen zu tun hätten. "Die Verunsicherung ist auf jeden Fall da", sagte Jansen, "gerade weil das schlimme Geschehen Köln noch nachwirkt." Da gebe es bis heute mehr Fragen als Antworten. Auch deshalb, so der Einrichtungsleiter, wehre er sich vehement dagegen, "alle Flüchtlinge pauschal unter ein Zelt zu stellen" und zu kriminalisieren. "Dass nenne ich höchst unfair und letztlich gefährlich", sagt Markus Jansen.

Petra Platzek, die im Pfarrheim St. Peter für die VHS Rheinberg einen Integrationskurs mit 15 Männern leitet, hat am Freitag hautnah erfahren, wie stark die aktuellen Nachrichten viele Flüchtlinge belasten. "Die Angst geht um", so ihr handfester Eindruck. Einige Männer hätten ihr von einem denkwürdigen Erlebnis an einer Bushaltestelle gegenüber der Kirche in Orsoy erzählt, nachdem die ersten Nachrichten von der Absage des Zuges im Netz unterwegs waren. Ein Autofahrer habe unvermittelt die Seitenscheibe runtergedreht, die Männer übel beschimpft und den Stinkefinger gezeigt.

"Die Männer sind die Leidtragenden der Ereignisse und völlig hilflos. Sie wissen gar nicht, wie sie sich gegenüber solchen aggressiven Äußerungen verhalten sollen", sagt ihre Deutschlehrerin, die ihnen erst einmal versucht hat zu erklären, was Karneval am Rhein eigentlich bedeutet. Sie habe ihnen geraten, "neutral zu bleiben und den Ball flach zu halten", wenn Ärger drohe.

Köln sei auch bei den Flüchtlingen ein ständig diskutiertes Thema, so die Helferin: "Sie bedauern die Vorfälle zutiefst", sagt Platzek. "Dabei versichern sie immer wieder, dass sie nur eins wollen: hier bei uns in Frieden und in gutem Kontakt mit den deutschen Nachbarn leben." Der bisherige Glaube, dass das gelingen kann, schwinde. Und Platzek fürchtet, dass durch den Shitstorm in den sozialen Netzwerken "die Blase der Vorurteile immer größer wird". Ihre Zöglinge sind am Freitag zwar mit dem Wissen, was Karneval heißt, dennoch "traurig" zurück in ihre Unterkünfte gegangen. "Ihr Gang war gebeugt", sagte ihre Integrationshelferin, die noch am Sonntag von Bürgermeister Frank Tatzel mit anderen Flüchtlingshelfern für ihr beispielhaftes Engagement ausgezeichnet worden ist.

Auch Anke Kretz, Caritas-Koordinatorin der Flüchtlingsarbeit in Rheinberg, tut sich schwer, die Gründe für die Absage des Rosenmontagszuges nachzuvollziehen, der sie aus heiterem Himmel getroffen habe. "Auf den Gedanken wäre ich niemals gekommen", sagt sie. Ihr erster Gedanke sei gewesen: "Das kann doch nicht deren Ernst sein." Natürlich habe sie Verständnis dafür, dass Behörden intensiv über Sicherheit nachdenken. "Gerade nach Köln." Hier vermutet sie eine direkte Folge: "Ohne Köln ist die Absage in Orsoy nicht vorstellbar."

Mit der ZUE selber könne das nichts zu tun haben: "Man darf doch nicht Eindruck erwecken, als lebten hier nur kleine Monster, die anderen an die Wäsche wollen." Sie hätte im Gegenteil gehofft, dass man die Bewohner der Unterkunft zum Zug eingeladen hätte, um gemeinsam mit ihnen Dorfkarneval zu feiern. "Das wäre schön gewesen", sagt Kretz.

In den Beratungsstunden erlebe sie seit den Vorfällen auf der Kölner Domplatte eine massive Verunsicherung bei den Flüchtlingen in der Stadt. Die würden davon berichten, inzwischen mit anderen Augen betrachtet zu werden und hätten nun "große Sorge, dass die Herzlichkeit, die ihnen bisher bei uns begegnet ist, bröckelt".

Unterdessen hatte Rheinbergs Bürgermeister Frank Tatzel am Freitag ein Ferseh-Team nach dem anderen zu Gast und versuchte dem Eindruck zu entgegenzutreten, die Stadt habe den Zug in Orsoy gecancelt. "Der Verein sah sich nicht in der Lage, noch rechtzeitig ein Sicherheitskonzept vorzulegen", sagte Tatzel der RP. Der eigentlich Grund das einzufordern, sei der, dass der OKK auf den Rosenmontag ausgewichen sei und so deutlich mehr Zuschauer erwartet worden seien als in der Vergangenheit.

In dem Zusammenhang habe die die Polizei völlig zu Recht darauf verwiesen, dass die ZUE unmittelbar am Zugweg liege, sagte der Bürgermeister. Darauf müsse man reagieren. "Nicht, weil in erster Linie von den Flüchtlingen Gefahr ausgehen könnte", sagte Tatzel, "sondern weil dort Alkohol getrunken wird und von auswärtigen Gruppen eventuell Übergriffe auf das Asylbewerberheim und auf Flüchtlinge nicht auszuschließen sind".