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Rheinberg
Tango fast wie auf der Plaza Dorrego

Rheinberg: Tango fast wie auf der Plaza Dorrego
Das Pflaster neben dem Alten Rathaus wurde am Sonntagnachmittag zum Tango-Salon unter freiem Himmel. FOTO: RP-Foto. Armin Fischer
Rheinberg. Die Rheinberger Guido Gottlieb und My Tausch von der City-Tanzschule hatten zu einem öffentlichen Tanzen auf dem Lindenplatz neben dem Alten Rathaus eingeladen. Rund 70 "Milongeros" kamen teilweise von weit her. Von Eva Karnofsky

Ob Drehung oder Acht, Cruzada oder Stopp - kein Problem für die Tänzerinnen und Tänzer, die am Sonntagnachmittag auf den Rathausplatz gekommen sind, um sich drei Stunden lang ihrer großen Leidenschaft zu widmen. Zu den Klängen von Bandoneon und Geige, das Kreuz kerzengerade, den Blick in die Ferne gerichtet, bewegen sie sich mal mit schleichendem, langem Schritt, dann wieder so schnell, dass das Auge des Besuchers den Füßen kaum zu folgen vermag, über die grauen Steine des Karrees unter Bäumen.

Aus Bochum und Heiligenhaus, aus Hilden und Lünen sind sie angereist, um Tango so zu tanzen, wie es üblich war, als er vor rund 140 Jahren an den Ufern des Río de la Plata, in Montevideo und in Buenos Aires, "erfunden" wurde: unter freiem Himmel. Der Wettergott spielte mit, die Temperatur in Rheinberg war gerade richtig, so dass die Tänzer nicht allzu sehr ins Schwitzen gerieten, freuten sich die Veranstalter Guido Gottlieb und My Tausch von der Moerser City-Tanzschule. Bereits im sechsten Jahr haben sie ihre Musikanlage vor dem gotischen Backsteinbau ausgepackt, und wie immer, fanden sich rund 70 "Milongeros" ein.

So werden die Tangotänzer in der Heimat des Tanzes genannt. Und wie in den Tango-Salons von Buenos Aires begrüßt man sich mit dem "besito", dem Wangenküsschen, auch wenn man sich nie zuvor gesehen hat. Man duzt sich und redet sich nur mit dem Vornamen an. Die meisten allerdings kennen sich. Heute begegnet man sich in Rheinberg und morgen bei einem anderen Tango-Event. Man schaut auf Websites wie Tangodanza.de nach, wo man sich gerade zum Tanzen trifft, setzt sich ins Auto und mischt mit. Eine eigene kleine Welt. Von Leuten jenseits der Vierzig vor allem.

Karin und Ralf sind beinahe täglich unterwegs. Sie tanzen Tango Neo, "weil er offener, freier ist", erklärt Ralf, und "weil die Figuren großräumiger sind". Der Tango Argentino, wie er im Mutterland getanzt wird, ist um vieles strenger in seinen Regeln. In einem Salon in Buenos Aires käme wohl auch niemand auf die Idee, zur Musik von Sting Tango zu tanzen, wie es auch die Tanzlehrer Guido und My gern mögen.

Nach Rheinberg brachte Guido für jeden Geschmack etwas mit. Enrique Santos Discépolos legendärer Tango "Cambalache" (deutsch: Trödelladen), der sich über die Schlechtigkeit der Welt erregt, ist in der Uralt-Version von Juan D'Arienzo ebenso darunter wie "Auflösen" von den Toten Hosen. Und "Pardon, mon amour" des Franzosen Gérard Darmon, auch wenn das strenggenommen kein Tango ist. Elke aus Rheinberg mag den argentinischen Tango am liebsten. Piazzollas schwermütiges Stück "Oblivion" ist ihr Favorit.

Aber Tango ist ja bekanntlich ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann, wie es der 1951 verstorbene Discépolo einst formulierte, aus dessen Feder etliche der bis heute beliebtesten Tangos stammen. Elke hat sich auch so angezogen, wie es sich in einem argentinischen Salon gehört - schwarze, schwindelerregend hohe Riemchenpumps und ein bunter Chiffon-Rock, der bei jeder Drehung nonchalant ihre Beine umspielt. Gaetano hat sie auf das steinerne Parkett geholt, "weil sie so gut tanzt".

Die beiden begegnen sich häufiger, denn auch sie zählen zum Kreis der Tango-Touristen. Fast fühlt man sich wie an einem Sonntag auf der Plaza Dorrego im Herzen der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires, denn immer mehr Menschen werden von der Musik angezogen und sehen ein Weilchen zu, wie die Milongeros im Zweivierteltakt ihre Pirouetten drehen.

Quelle: RP
 
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