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Analyse
Versicherung stößt Budberger vor den Kopf

Analyse: Versicherung stößt Budberger vor den Kopf
Schweres Gerät war am 29. April in Budberg im Einsatz, als nach einem mehr oder minder normalen Regen Dutzende Keller voll liefen. Die städtische Pumpanlage hatte es nicht geschafft, das Wasser abzutransportieren. FOTO: Schulmann (Archiv)
Xanten. Die GVV spricht von einem großzügigen Angebot für die Betroffenen. Gesamtschaden wohl über eine Million Euro. Von Rainer Kaussen

Ganze 15 bis 20 Prozent des Gesamtschadens will die GVV-Versicherung ihnen zahlen. Das haben sich Budberger, in deren Kellern am 29. April Fäkalienwasser teils über einen Meter hoch stand, ausgerechnet. Es geht um viel Geld. Ende Juni rechnete die Stadt mit einer Schadenssumme von einer Million Euro - ausgehend von 69 Betroffenen.

Mittlerweile ist von 95 Opfern die Rede. Sie können sich keine großen Hoffnungen machen, dass die GVV ihnen ohne Gerichtsverfahren mehr Geld anbieten wird. Auch die Rheinberger Verwaltungsspitze konnte von einem Gespräch auf Vorstandsebene in der Kölner Versicherungszentrale keine besseren Zahlen mit nach Hause bringen.

Denn der GVV will sich den Opfern gegenüber noch schriftlich äußern - hält aber das, was er den Budbergern anbietet, für fair und sogar ziemlich großzügig. Zumal die Versicherung nicht einmal Nachweise darüber verlange, die die Höhe der gemeldeten Schäden im Detail belegten. Und grundsätzlich müsse nun einmal jeder Hausbesitzer mit den Folgen leben, wenn er nicht mit einer Rückstauklappe selbst dafür sorgt, dass kein Wasser ins Gebäude eindringt.

Starkregen in Rheinberg: 33 Keller unter Wasser FOTO: Schulmann

Dabei wissen die Leute vom GVV sehr wohl, dass es auch in Budberg Ausnahmen von dieser Regel gibt. Die evangelische Kirchengemeinde beispielsweise, wo das Wasser durch Lichtschächte oder Kellertüren ins Haus lief. Ganz bitter stößt die Argumentation der Versicherer bei Budbergern auf, die offensichtlich alles richtig gemacht hatten und trotzdem Opfer wurden: Sie hatten eine Rückstauklappe einbauen lassen; die Klappe hielt auch dicht - die Räume, durch die Rohre laufen, blieben trocken. Aber im Zimmer nebenan stand das Wasser einen Meter hoch.

Mutmaßlich von draußen eingesickert durch Haarrisse im Mauerwerk. Ob die vielleicht etwas damit zu tun haben, dass in Budberg einmal Kohle abgebaut worden ist? Mit dem sturen Hinweis auf die Rückstauklappen-Pflicht fällt dem GVV im Übrigen leider in bekannte Verhaltensmuster von Versicherungen.

Ein Urteil des Oberlandesgerichts Saarbrücken verschweigen sie geflissentlich - kein Wunder. Denn die Saarländer haben auf Basis wesentlicher Versäumnisse der dort beklagten Stadt trotz fehlender Rückstauklappen bei den Bürgern auf eine Entschädigung von zwei Dritteln der Schadenssumme entschieden. Schwere Fehler hat es auch in Rheinberg gegeben. Vier von sechs Pumpen in der Abwasser-Pumpanlage Budberg abzubauen, habe die Förderleistung drastisch reduziert - von ursprünglich 2750 auf ganze 50 Liter pro Sekunde.

Um diese "Gefahr für die öffentliche Sicherheit" zu beseitigen, verdonnerte die Bezirksregierung die Stadt in einer Ordnungsverfügung Ende Juli zu konkreten Nachbesserungen. Die hatte da allerdings schon selbst die Dimension des Desasters erkannt und entsprechende Schritte unternommen.

Ob und wie das Saarbrücker Urteil den Budbergern am Ende hilft, ist allerdings noch die große Frage. Denn was passiert, wenn nach einem Gerichtsverfahren nur noch die Schäden reguliert werden, die durch eine Rechnung konkret nachgewiesen werden können?

Im Übrigen muss der GVV höchstwahrscheinlich nur deshalb das Portemonnaie öffnen, weil die Stadt von vornherein in aller Offenheit den Pumpenausbau als Fehler eingestand. Das mag für Spannungen im Verhältnis zwischen Versicherer und Versichertem gesorgt haben. Für die Flutopfer war es auf jeden Fall gut.

Nicht nur sie werden übrigens den 29. April als Dauerbelastung erleben: Bei verschiedenen Budbergern liegen mittlerweile die Kündigungen ihrer (Elementar-)Hausversicherungen im Postkorb. Aus Versicherersicht ist Budberg zum Risikogebiet geworden und bisherige Beitragskalkulationen zur Makulatur.

Quelle: RP
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