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Rheinberg
Zeilen, die unter die Haut gehen

Rheinberg. Judith Jakob zeichnete das Leben Mascha Kaléko mit ihren Werken nach. Von Eva Karnofsky

Wenn Lyrik nach fast neunzig Jahren die Menschen noch so bewegt, dass sie ihr standing ovations entgegenbringen, spricht das für ihre Qualität. Aber auch für die Qualität der Darbietung. Am Samstagabend im Bürgerhaus Budberg stimmte alles. Rezitation und Gesang von Judith Jakob ließen ebenso wenig zu wünschen übrig wie Joachim Jezewskis wohl dosierte Klavierbegleitung. Und Mascha Kalékos Zeilen bewiesen, dass sie eine begnadete Dichterin war, die nichts an Aktualität verloren hat.

Die Kölner Schauspielerin Judith Jakob hatte einen Band mit Gedichten der 1975 in Zürich verstorbenen Jüdin Mascha Kaléko geschenkt bekommen, und nachdem sie deren Tagebücher gelesen hatte, stand für sie fest, dass daraus ein Bühnenprogramm entstehen musste. Sie suchte einen Pianisten, der sie begleiten könnte und kam so mit Joachim Jezewski aus Brühl zusammen.

Gemeinsam erarbeiteten sie "Mascha Kaléko - Die Nachtigall in meinem Garten schweigt". Judith Jakobs Ziel: das Leben der 1907 im damaligen Österreich-Ungarn geborenen Tochter eines Russen und einer Österreicherin darstellen. Jakob setzte aus Kalékos Werk, das aus Gedichten, Liedern, Briefen, kurzen Prosatexten und Tagebüchern besteht, die Biographie der wohl wichtigsten Lyrikerin der Weimarer Republik zusammen.

Das Klavier begleitet nicht nur die Lieder, es sorgt bei den Rezitationen mit wenigen Akkorden dafür, Aussagen hervorzuheben. Mal unterstreicht es Leichtigkeit oder Glück, dann wieder untermalt es alltägliche Langeweile oder Trauer.

Nun sind die beiden bereits seit zehn Jahren mit "ihrer" Mascha Kaléko in ganz Deutschland unterwegs. Ins ausverkaufte Bürgerhaus Budberg hat sie Gaby Herchert vom Organisationsteam des Kulturprogramms geholt. Sie kennt Pianist Joachim Jezewski seit langem.

Auch in Berlin, wohin Mascha Kaléko 1918 mit ihren Eltern gezogen war und wo sie in den dreißiger Jahren aus der Künstlerszene nicht wegzudenken war, haben Jakob und Jezewski der Lyrikerin mit ihrem Programm bereits die Ehre erwiesen. Kaléko schrieb so manches Lied, das damals in Berlin Claire Waldoff sang, und sie wird gewöhnlich in einem Atemzug mit Joachim Ringelnatz oder Erich Kästner genannt. Als "Gebrauchslyrik" bezeichnete Bertold Brecht ihre Gedichte, und er meinte das keinesfalls abwertend. "Sie konnte Menschen gut beobachten und hat sie sehr passend beschrieben", erläutert Jakob. "Ihre Gedichte sind sehr berührend, oft witzig und sie wirken auf den ersten Blick einfach, doch sie haben immer Tiefe", erklärt sie den besonderen Stil der Frau, der sie - im schlichten, schmucklosen Schwarz der Chansonsängerinnen und mit wohlgesetzten Gesten - fast zwei Stunden lang Leben einhaucht. Den Rahmen des Abends bietet Mascha Kalékos erst kurz vor ihrem Tod aus der Rückschau auf ihr Leben geschriebenes Gedicht "Interview mit mir selbst", auf das Judith Jakob immer wieder zurückkommt.

Kálekos Texte, 1935 von den Nationalsozialisten verboten, verstehen es meisterhaft, Situationen auf den Punkt zu bringen: "Es hieß, wir sollten jetzt ins Leben treten./Ich aber leider trat nur ins Büro". Besser kann man Langeweile, Frust und Unterforderung einer Frau, die gern studiert hätte, nicht ausdrücken. Ob Überdruss in der Beziehung, Freude am Aufwachsen des Sohnes oder Heimweh im amerikanischen Exil - Kaléko fasst es mit wenigen, genau gesetzten Worten so zusammen, dass es den Hörer oder Leser zum Nachdenken bringt. Von Judith Jakob und Joachim Jezewski interpretiert, gehen ihre Zeilen unter die Haut.

Quelle: RP
 
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