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Alpen
Ziemlich beste Freunde - wie im Film

Alpen: Ziemlich beste Freunde - wie im Film
Hermann Seifert und Mansou Tall leben neuerdings in einer Männer-WG. FOTO: arfi
Alpen. Hermann Seifert (90) in Menzelen hat sich den afrikanischen Flüchtling Mansou Tall (26) ins Haus geholt. Beide profitieren davon. Von Bernfried Paus

Hermann Seifert und Mansou Tall sind ziemlich beste Freunde. Dabei könnten sie unterschiedlicher kaum sein. Mansou ist 26 Jahre jung, schwarz und kommt aus Afrika. Der Witwer ist gerade 90 Jahre alt geworden, in Meiderich aufgewachsen, wohnt aber seit mehr als drei Jahrzehnten in einem Häuschen, das er für seine Familie in Menzelen-West gebaut hat. Unter dieses Dach ist vor wenigen Monaten der junge Mann aus dem westafrikanischen Guinea eingezogen. Beide sind sehr glücklich in ihrer höchst ungewöhnlichen Männer-WG. "Läuft gut", sagt der Hausherr. "Ist schön", sagt der Gast aus Afrika.

Angebahnt hat sich die Männerfreundschaft beim Einweihungsfest, zu dem Karl-Heinz Hemmerich und Ursula Arens ihre Nachbarn eingeladen hatten, nachdem sie ihr Haus in Menzelen bezogen hatten. Dabei lernten die beiden Grünen-Politiker im Rat auch Hermann Seifert kennen. Und sie erfuhren, dass der alte Mann nicht ganz glücklich damit war, ständig allein zu sein in seinem Haus. Seine Frau ist schon vor sechs Jahren gestorben, die Kinder sind längst fort.

Und Seifert interessierte sich für das Engagement seiner neuen Nachbarn in der Flüchtlingshilfe. "Da haben wir ihn halt mitgenommen zum Sommerfest an der Tennishalle", erzählt Ursula Arens. Dort habe sich der damals noch 89-Jährige sichtlich wohlgefühlt. "Er ist auf die Menschen zugegangen, hat sich mit den Flüchtlingen unterhalten und ist schnell mit den Menschen in Kontakt gekommen", berichtet Hemmerichs.

Damals betreute das Paar unter anderem auch Mansou Tall, der aus Guinea geflohen war und in den inzwischen abgewohnten Containern an der Fürst-Bentheim-Straße mit vielen anderen auf nur wenigen Quadratmetern lebte. "Das war nicht schön", sagt der freundliche junge Mann ganz ruhig. Auf der anderen Seite war Hermann Seifert, der ein ganzes Einfamilienhaus für sich hat: "Dauernd allein sein, das ist wirklich beschissen", sagt der 90-Jährige ungeschminkt.

Da zeichnete es sich ab, dass die Wege der beiden sich kreuzten. Herausgekommen ist eine ganz besondere Form von Mehr-Generationen-Wohnen. Der gelernte Krankenpfleger Mansou, der im Marienstift in Alpen im Herbst eine Ausbildung zum Altenpfleger begonnen hat, zog für eine kleine Miete beim Rentner Seifert ein. Der ist dankbar über die unverhoffte Wende in seinem langen Leben: "Mansou ist ein ruhiger Mensch und für mich ein absoluter Glücksfall. Wir verstehen und sehr gut", sagt der 90-Jährige. Sein Mitbewohner lächelt. Gewinner sind beide in der "Opa-Enkel-WG". Zu gehört auch Katze Kira. Um die kümmern sich beide Herren.

Mansou, der als Mitglied einer beim Präsidenten in Ungnade gefallenen Security-Einheit aus seiner Heimat geflohen ist, hat bei seinem Gastgeber nicht nur ein eigenes Zimmer, sondern auch eine eigene Küchenzeile und auch sein eigenes Bad. "Wir sind inzwischen ein eingespieltes Team", sagt Hermann Seifert, "und wir vertrauen uns blind. Ich habe im Haus nie was abgeschlossen, und das bleibt auch so", sagt der gelernte Zöllner, der später selbstständiger Fuhrunternehmer war.

Beide sind leidenschaftliche Fußball-Fans und schauen sich vorm Fernseher die Spiele gemeinsam an. Mansou war wie viele Fans geschockt, was seinem Favoriten Borussia Dortmund in dieser Woche widerfahren. Spiele seines Lieblingsklubs und seinen Lieblingsspieler Marco Reus sieht er öfter als der ehemalige Meidericher Seifert seinen Herzensklub MSV, immerhin Spitzenreiter der Dritten Liga.

Auch den Haushalt machen beiden zusammen. Geputzt wird gemeinsam. Nach Absprache. Auch die Wäsche kommt auf einen Haufen, ehe sie in die Maschine gefüllt wird. Aber die Hemden bügelt nur einer: Mansou, der auch das Holz für den Kachelofen hackt. "Früher habe ich meine Hemden immer in die Wäscherei gebracht. Das muss ich jetzt nicht mehr", sagt Seifert. Sein Mitbewohner legt sie ihm akkurat gefaltet in den Schrank.

Gekocht wird meist getrennt, weil der 26-Jährige halt Schichtdienste hat. Aber manchmal sitzen sie auch beide am Tisch. Zum Beispiel, wenn der 90-Jährige ganz traditionell einen "Pott durcheinander" gekocht hat. Zuletzt einen Möhreneintopf. "Hat lecker geschmeckt", sagt Mansou über die niederrheinische Küche.

Er selber hat schon mal für die Nachbarn Fisch gegrillt und afrikanisch gewürzt. "Mmhh", sagt Ursula Arens. Wenn Mansou morgens um Fünf aufsteht, klettert auch sein Mitbewohner aus den Federn, auch wenn beide so früh noch ihre eigenen Wege gehen. Der 26-jährige macht sich fertig, um mit dem Fahrrad zum Marienstift zu radeln. Hermann geht nach dem ersten Kaffee runter in seinen Fitnesskeller, wo er am Rudergerät und auf dem Stepper sein sportliches Morgenprogramm abspult. Dananch geht's hoch und er schaltet im Radio Bayern III ein. "Das läuft Blasmusik." Der Rhythmus sei's, der's ihm angetan hat. Der halte fit. "Dazu kann ich ziemlich gut hüpfen."

Wenn Mansou Feierabend hat, büffelt er nicht nur für die Schule, sondern auch Theorie für den Führerschein. Die praktische Prüfung bleibt ihm erspart, weil er in Afrika schon eine Lizenz zum Fahren hat. Sobald er die Prüfung bestanden hat, teilen sich Opa und "Enkel" nicht nur das Haus, sondern auch das Auto. Läuft.

Quelle: RP
 
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