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Solingen
90 schräge Minuten im Pina-Bausch-Saal

Solingen. Das Westfälische Landestheater inszenierte Timur Vermes Bestseller "Er ist wieder da". Von Cyrill Stoletzky

Es gibt Dinge, die dürfen nicht sein. Was wäre, wenn "Er" wieder da wäre? Und unsere informationsfreudige Medienwelt aufmischte? Wenn sich Wahn und Info-Gier verschwisterten? Nun: Er IST wieder da! Nachdem ihn sein Papa Timur Vermes auf die Spiegelbestsellerliste brachte, eroberte er das Kino. Nun hat ihn das Westfälische Landestheater auf die Bretter dieser Welt gehievt. 811 Zuschauer im Pina-Bausch-Saal haben ihn erlebt.

Eine Rede im Sportpalast war's nicht, aber sie hätte es gut sein können. Mit der Wut des zum Comic-Strip verzerrten Jux-Adolf rattert Guido Thurk in strenger brauner Führer-Kluft seine hohlen Phrasen von Verantwortung und Gehorsam schwallartig ab, und wo ihm früher das vom Weltkrieg paralysierte Volk die Gefolgschaft schenkte, kickt ihn nun die Medienwelt nach oben, die ihn nicht für den echten Adolf, sondern einen raffinierten Komödianten hält.

Und der hängt tief drin in seinem Wahn, rollt den "Fööhhrrrerkult" so kultig ab, dass das um ihn herum agierende Gefolge der Agentur- und Medienleute zu Statuetten verblasst. Er hat sie alle im Griff, inhaltlich und dramaturgisch. Und führt sie vor - am meisten mit der Wahrheit über seine Identität, die ihm keiner abnimmt.

Liegt hier die "Medienkritik" des Stückes? Wenn, dann versinkt sie im Klamauk. Denn dank der stringent durchgezogenen Idee "Adolf im Medien-Wunderland" rudert sich der Führer, selbst geführt von einem als Erzähler fungierendem, im Gegensatz zu diesem im Anzug auftretenden ruhigeren Schatten-Adolf (Burghard Braun) von einem Schenkelklopfer zum nächsten durch die mit Emails, Internet, Bild und Spiegel verstopften neuen Zeiten. "Ich bin der Föööhrer" - "Spielen Sie auch andere Sachen?" "Stimmt es, dass Sie Hitler bewundern?" - "Nur morgens im Spiegel". Adolf wird TV- und Youtube-Star, bekommt eine Homepage.

Das Bild-Interview spielt rasante Lacher ein, ebenso die Ankunft beim NPD-Chef, den er als öde Kopie des Originals entlarvt. "Mich wundert's nicht, dass diese Partei keinen Terror verbreitet." Und ehe er sich versieht, ist er zur Kultfigur geworden. Und erhält den Grimme-Preis. Ist das die postmodern-triviale Medienkritik der Komödie?

Am Ende wird er von rechten Schlägern verprügelt - und darf im Krankenhaus noch für ein paar Zoten sorgen. Um dann, ehe er sich ganz verschwistert mit der Moderne, seine Partei zu gründen.

Regisseur Gert Becker und sein Team haben Vermes´ Lachnummer als das serviert, was sie ist: eine als informationskritische Satire maskierte Comedyschote, und der haben sie mit virtuoser Situationskomik über Schwächen hinweggeholfen. Dass der schrille Adolf alle dominierte - auch sein Schatten-Ich - lag in der Natur der Sache. Tiefgang sollte man in dem bizarren Gewurschtel trotz zahlreicher Anklänge an unsere Tage - von Merkel, Kohl und Schmidt bis zur "Lügenpresse" - nicht suchen: Dazu blieb das Opus zu stark der Klamotte verpflichtet. Aber es waren 90 schräge, gut beklatschte Minuten. In denen man sich einer latenten Sympathie für den Comic-Adolf nicht erwehren konnte.

Ob das ein Konflikt ist, soll der Autor entscheiden. Nach dem Giga-Erfolg seines Schmankerls könnte ein zweiter Teil diesen lösen: In dem stellt sich heraus, dass dieser Adolf doch nur ein Schizo war, der aus einer Klapse ausgerissen war. Der wird dann wieder eingefangen. Und dann ist er nicht mehr da, sondern wieder weg. Und alles ist gut.

Quelle: RP
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